Eigentlich ganz normal! Leben mit einem behinderten Kind

Immer wieder fragen mich Leute, wie es denn so ist, das Leben mit einem behinderten Kind. Gerade gestern war ich wieder mal in dieser Situation. Meistens sind die Fragenden dabei auch aufrichtig interessiert und dem Thema „Behinderung“ gegenüber offen eingestellt. Noch nie habe ich Gott sei Dank den Satz gehört „also, ich könnte das nicht!“

Dennoch sehe ich immer eine Spur von Überraschung in den Gesichtern, wenn ich antworte: Also, eigentlich ist es ganz normal.“ Fast schon fühle ich mich dann verpflichtet, weiter auszuholen und füge noch etwas hinzu wie: „Man braucht natürlich mehr Geduld als mit anderen Kindern“ oder auch „die Frühförderung ist schon aufwändig.“

Dann beobachte ich regelmäßig, wie sich Verständnis im Gesicht meines Gegenübers ausbreitet und auch so etwas wie Erleichterung. Die Vorstellung, das Leben mit einem behinderten Kind könne tatsächlich einfach nur normal sein, passt einfach nicht in die Wahrnehmung der meisten Menschen.

Das, was wir leben, wird irgendwann normal

Dabei empfinde ich unser Leben tatsächlich als ganz normal. Klar gibt es da Routinen, die viele vielleicht eher als außergewöhnlich empfinden würden. So habe ich im ersten Jahr mit Paul eben keine PEKIP-Kurse besucht und war auch nicht beim Babyschwimmen. Stattdessen hatten wir zweimal pro Woche einen Termin bei der Frühförderung. Mittlerweile haben wir den Großteil der Therapien allerdings in die Kita „ausgelagert“ und lassen uns per Telefon und Video über den Stand der Dinge informieren. Das ist sicher nicht der Königsweg für alle Familien, für uns aber passt es so.

Auch nicht ganz „normal“ sind vielleicht unsere regelmäßigen Besuche im Kinderkrankenhaus. Wir haben jedoch das große Glück, dass Paul kerngesund auf die Welt gekommen ist, nur eben mit einem Chromosom mehr. Daran hat sich bis heute auch glücklicherweise nichts geändert. Andere Familien tragen da ein sehr viel schwereres Paket als wir. Das ist mir durchaus bewusst. Nicht nur die mit einem behinderten Kind übrigens.

Kontrolle ist besser

Trotzdem werden Kinder mit Trisomie 21 tendenziell engmaschiger kontrolliert als andere. Kinderärzte sind schneller alarmiert, wenn sie irgendwelche Anzeichen für Entzündungen oder andere Abweichungen sehen. So haben wir in Pauls erstem Lebensjahr viele Tage in der Kinderklinik verbracht, nur um jedes Mal aufs Neue auszuschließen, dass es sich bei dem Husten vielleicht um eine Lungenentzündung handeln könnte oder beim Schnarchen um eine gefährliche Schlafapnoe.

Apropos Schnarchen, das ist tatsächlich ein Punkt, der uns immer wieder beschäftigt und das wohl noch eine Weile tun wird. Wie viele Kinder mit Trisomie 21 hat Paul verengte Atemwege und schläft mit offenem Mund. Das ist auf Dauer nicht gut und muss daher beobachtet werden, weshalb wir einmal im Jahr eine Nacht im Schlaflabor verbringen. Mir graut jedes Mal vor diesem Termin, weil ich die Atmosphäre in Krankenhäusern so bedrückend finde und das lange Warten auf die Ärzte mich jedes Mal in den Wahnsinn treibt.

Letzte Woche war es dann wieder so weit und wie immer haben wir die 24 Stunden irgendwie hinter uns gebracht. Schön war es dieses Mal für mich, zu beobachten, wie charmant Paul sämtliche Ärzte und Schwestern um den Finger wickelt. Da bedient er auch gerne mal das Klischee des kleinen Sonnenscheines. Mich wiederum erden diese Klinikaufenthalte jedes Mal ein bisschen, denn mir wird klar, wie gut wir es eigentlich haben. Keines meiner Kinder ist als Frühchen auf die Welt gekommen, keines musste je operiert werden und unsere Aufenthalte im Krankenhaus beschränkten sich bislang auf Kontrollen.

Die Garantie, dass das so bleibt, haben wir natürlich nicht. Genauso wenig wie jede andere Familie, ganz egal ob ein Kind nun eine Behinderung hat oder nicht. Denn das Leben ist nun mal unberechenbar. Zu gut erinnere ich mich an ein zehnjähriges Mädchen, mit dem Paul und ich uns einmal ein Zimmer teilten. Es war schon viermal am Herzen operiert worden. Und mit jeder OP hatte es nur einen weiteren „Aufschub“ von 3-4 Jahren bekommen. Die Lebensfreude der Kleinen schienen diese trüben Aussichten nicht zu beeinträchtigen, wir hatten viel Spaß zusammen in diesen drei Tagen.

Ganz egal, was das Leben an Überraschungen für uns bereithält, es ist immer und in jedem Fall wertvoll und lebenswert! Und es liegt ganz allein an uns, ob wir an Herausforderungen wachsen oder zerbrechen. Ratet mal, wofür ich mich entschieden habe?

Sprechen lernen mit GuK – unsere Erfahrungen

Seit Paul drei Monate alt ist, gehe ich einmal wöchentlich mit ihm zu einer Logopädin. Was, so früh, was bringt das denn?, wurde ich deswegen schon häufig gefragt.

Logopädie nach Castillo Morales

Nun, in der Logopädie geht es nicht nur darum, richtig sprechen zu lernen. Vor allem die logopädische Praxis nach Dr. Rodolfo Castillo Morales, einem argentinischen Rehabilitationsarzt, verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem es darum geht, den gesamten Körper unter Spannung zu bringen. Denn, was viele nicht wissen, eines der größten Probleme von Menschen mit Trisomie 21 ist die fehlende Muskelspannung. Diese betrifft den ganzen Körper und somit auch Zunge und Gaumen. Das ist ein Grund, weshalb ältere erwachsene Menschen mit Down-Syndrom häufig undeutlich sprechen. Zwar kann man an der fehlenden Muskelspannung nichts grundsätzlich ändern, wohl aber können logopädische Übungen helfen, die Auswirkungen abzumildern. So wie jeder von uns durch sportliches Training seine Fitness steigern kann, auch wenn nicht jeder dabei zum Marathonläufer wird.

Gebärden als Hilfsmittel

Als Paul ungefähr ein Jahr alt war, erwähnte unsere Logopädin erstmals die gebärdenunterstütze Kommunikation (GuK), mit deren Hilfe man Kindern das Kommunizieren erleichtern kann, wenn diese, aus welche Gründen auch immer, noch nicht sprechen.

Gebärden? Um Gottes Willen, nein! Das war, zugegeben, mein erster Gedanke. Mein Kind sollte doch richtig sprechen lernen und sich nicht sein Leben lang mit Zeichen verständigen müssen. Außerdem wäre das ja eine weitere Sache, mit der ich mich beschäftigen müsste, und das überforderte mich zu diesem Zeitpunkt total. Und so blieben die Kopien der Gebärdenkärtchen lange Zeit unangetastet in meiner Schreibtischschublade liegen.

Nicht sprechen können bedeutet Frust!

Das änderte sich erst Ende letzten Jahres, als ich immer häufiger beobachtete, wie frustriert Paul war, wenn wir nicht verstanden, was er uns mitteilen wollte. Dann flog mir schon mal der volle Teller mit Nudeln und Tomatensoße um die Ohren, weil ich nicht verstanden hatte, dass er Durst und nicht Hunger hatte. Zu diesem Zeitpunkt war Paul etwa 20 Monate alt und sein einziges Wort neben „Mama“ und „Papa“ war „aua“. Letzteres benutzt er bis heute gern, vor allem, wenn er wütend ist. Wirklich kommunizieren kann man auf dieser Basis leider nicht und somit war klar, dass wir etwas unternehmen mussten, um ihm zu helfen.

Da fielen mir die Gebärdenkärtchen wieder ein und ich kramte in meiner Schublade. Okay, einen Versuch war es vielleicht doch wert. Zudem geht es bei der gebärdenunterstützen Kommunikation gar nicht darum, das Sprechen zu ersetzen, sondern es durch einfache Gebärden zu unterstützen. Irgendwann werden die Gebärden dann hoffentlich sowieso überflüssig.

Nicht verwechseln mit der offiziellen Gebärdensprache

#vorlesen #sprachfoerderung #guk
Die Gebärde für „Buch“ bzw. „Vorlesen“ Foto: (c) Privat

Übrigens darf man die GuK-Gebärden nicht verwechseln mit denen, die etwa gehörlose Menschen benutzten. Diese sind viel komplexer und vielfältiger und als eigenständige Sprache anerkannt. Die GuK-Kärtchen hingegen stellen einfache Gegenstände oder Situationen des Alltags dar. Etwa „Gabel“, „trinken“, „Ball“ oder „fertig“. Ihr Ziel ist es nicht, ganze Sätze zu gebärden, sondern vielmehr, einzelne Satzbestandteile durch Gebärden zu ergänzen.

Konkret bedeutet das, dass ich zu Paul sage: „Möchtest du Ball spielen?“ und dabei die Gebärde für „Ball“ mache. Die Gebärden sind allesamt sehr einfach und fast schon intuitiv zu erlernen. Was man allerdings braucht, ist etwas Konsequenz. Denn nur durch das ständige Wiederholen wird es irgendwann selbstverständlich, die Gebärden zu benutzen. Am besten funktioniert das, wenn man die Kärtchen überall dort in der Wohnung aufhängt, wo sie gebraucht werden. Und natürlich ist es toll, wenn alle Familienmitglieder gebärden. Die Kärtchen gibt es übrigens online beim Down-Syndrom-Info-Center und das Paket mit dem Grundwortschatz kostet 48,00 Euro.

Und funktioniert es?

Es ist noch ein bisschen früh, um zu beurteilen, inwieweit die gebärdenunterstütze Kommunikation Paul dabei hilft, das Sprechen zu lernen. Wir sind noch in der Übungsphase und ehrlich gesagt auch noch nicht ganz so konsequent. Was ich aber schon jetzt sagen kann, ist, dass er total interessiert ist, wenn ich eine Gebärde mache. Sicher merkt er einfach, dass ich versuche, ernsthaft mit ihm zu kommunizieren und das findet er gut.

Hat jemand von euch schon Erfahrungen mit der gebärdenunterstützen Kommunikation gemacht? Ich bin super gespannt auf eure Kommentare!

 

Nachtrag vom 10. Januar:

Eine Leserin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Ausdruck „Taubstumme“, den ich im Beitrag verwendet habe, nicht korrekt, sondern diskriminierend ist. Ich habe ihn daher durch „gehörlose Menschen“ ersetzt und möchte mich bei dieser Gelegenheit bei allen Betroffenen entschuldigen. Schließlich ärgere auch ich mich jedes Mal schrecklich, wenn ich den Ausdruck „mongoloid“ höre. Wie oft verwenden wir Ausdrücke unbewusst, ohne uns über deren eigentliche Bedeutung Gedanken zu machen! Das geht auch mir offenbar nicht anders, obwohl ich es nun wirklich besser wissen müsste. Für die Zukunft nehme ich mir daher fest vor, meine Worte mit Bedacht zu wählen. Nicht nur beim Schreiben, sondern vor allem im Alltag.

Auf zu neuen Zielen! 2018 kann kommen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe am Ende jedes Jahres immer das dringende Bedürfnis, aufzuräumen. Damit meine ich jetzt nicht nur die Schleichtiere, die ich morgens in meinem Zahnputzbecher finde oder die einzelnen Socken, die Pauli zwischen Abstellkammer und Kinderzimmer so verteilt. Das auch, aber vor allem meine ich das Chaos in meinem Kopf. Überflüssig gewordene Glaubenssätze und Verhaltensweisen, die mich manchmal daran hindern, entspannt und glücklich zu sein. Als Mama, aber auch für mich selbst.

Adiós Co-Therapeutin, hallo Entspannung

Einer dieser Glaubenssätze, den ich vor kurzem aussortiert habe, war der, dass sich mein Kind nur dann „richtig“ entwickelt, wenn ich ihm tatkräftig dabei helfe. Davon habe ich euch bereits im letzten Blogpost berichtet. Diese Vorstellung, eine Art Co-Therapeutin sein zu müssen, hat mich wahnsinig unter Druck gesetzt und tut es auch heute manchmal noch. Dabei gibt es diese innere Stimme in mir, die mir sagt, dass ich einfach vertrauen darf. Darauf, dass mein Sohn seinem ureigenen Rhythmus folgt und jeden Entwicklungsschritt dann machen wird, wenn es für ihn an der Zeit ist. Dass es meine Aufgabe als Mutter ist, ihn anzunehmen, ihm zu vertrauen, ihn zu beobachten und ihm die Rahmenbedingungen zu schaffen, die er braucht.

Goodbye schlechte Nachrichten

Eine weitere Gewohnheit, die ich 2018 hinter mir lassen will, ist die, mich permanent von schlechten Nachrichten berieseln zu lassen. Nicht, dass mir egal ist, was in der Welt passiert. Nur glaube ich erstens, dass das, was uns die Massenmedien Tag für Tag zeigen, nur ein winziger Ausschnitt dessen ist, was wir so als „Realität“ bezeichnen. Zweitens glaube ich, dass es unsere Aufgabe als Eltern ist, unseren Kindern Vertrauen und Mut mit auf den Weg zu geben. Und wie soll uns das gelingen, wenn wir unseren Fokus allein auf Terror, Klimawandel und ähnliche Schreckensmeldungen richten? Abgesehen davon ist ja niemandem geholfen, wenn wir passiv vor dem Fernseher, dem Smartphone oder dem Radio sitzen und mal wieder feststellen, wie schlecht die Welt ist.

Da nehme ich meine Kinder doch lieber mit ins Sozialkaufhaus und zeige ihnen, wie wir mit unserem Überfluss anderen Menschen eine Freude machen können. Lasse sie im verpackungsfreien Laden beim Wiegen und Abfüllen helfen und vermittle ihnen ganz praktisch, was jeder von uns tun kann, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Auch was Pauls Behinderung betrifft, habe ich aufgehört, mich mit Dingen zu beschäftigen, die theoretisch passieren könnten. Klar gibt es Krankheiten, für die er anfälliger ist als andere Kinder. Vielleicht werden wir den einen oder anderen Kampf mit den Behörden ausfechten, wenn er mal in die Schule geht. Und vielleicht wird er irgendwann auch mal gemobbt. Genauso wahrscheinlich ist allerdings, dass all das nicht passieren wird. Und wisst ihr was? Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge, mit denen wir fest rechnen, mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit auch eintreten. Und aus diesem Grund übe ich mich lieber im Vertrauen darauf, dass Paul auch in Zukunft so gesund und munter sein wird, wie er es jetzt ist und dass er mit seiner charmanten Art auch dann noch die Herzen seiner Mitmenschen gewinnen wird, wenn er mal erwachsen ist.

Auf zu neuen Zielen!

Wer aufräumt, hat auch wieder Platz für Neues. Und 2018 stehen bei uns einige Veränderungen an, auf die ich mich freue. Die erste ist mein neuer Blog www.couscousmitzimt.com, den ich vor kurzem gestartet habe und im neuen Jahr weiter aufbauen möchte. Wer hier öfters mitliest weiß, dass Essen meine große Leidenschaft ist. Und weil das hier in erster Linie Paulis kleines Universum sein soll, habe ich mit dem neuen Blog einen Raum für meine zweite Leidenschaft geschaffen (neben meinen Kindern ;-)) Ich freue mich, wenn ihr dort auch mal vorbeischaut!

Von den weiteren Neuigkeiten berichte ich euch, wenn es so weit ist. Nur soviel sei schon mal verraten, einmal geht es um eine alternative Form des Wohnens, die wir für uns gewählt haben. Und dann geht es um eine Weiterbildung, mit der ich im Herbst starten werde. Ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden!

Was sind eure Ziele und Pläne für 2018? Und gibt es auch bei euch etwas, mit dem ihr aufräumen wollt? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

 

Eure Kathinka

 

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Adiós Frühförderung – wie ich aufhörte , Co-Therapeutin für mein Kind zu sein und viel entspannter wurde

Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Blogpost im vergangenen Jahr, in dem ich davon berichtet habe, wie sehr mich Pauls Frühförderprogramm stresste. Dabei waren es nicht allein die vielen Termine, die er von der Logopädie über die Physiotherapie bis hin zur Heilpädagogik Woche für Woche hatte. Was mich wirklich fertig machte war mein eigener Anspruch, die perfekte Co-Therapeutin für mein Kind zu sein.

Dabei bin ich von Haus aus eigentlich keine Perfektionistin. Ob Schule, Studium oder Job, eigentlich war mir der Weg des geringsten Aufwands immer ganz lieb. Und weil ich damit meist auch ganz gut fuhr sah ich keinen Grund, groß etwas zu verändern.

Aber dann kam Paul

Und mit ihm die vielen guten und gut gemeinten Ratschläge von Ärzten und Therapeuten: „Üben Sie jeden Tag eine halbe Stunde dies und eine Viertelstunde das und dann massieren Sie ihm die Füße.  Singen Sie, lesen Sie vor und inhalieren Sie täglich…“

Denn schließlich, so der Tenor, könne man bei Down-Syndrom heute ja soo viel machen. Was im Umkehrschluss natürlich nichts anderes heißt, als dass man selbst schuld ist, wenn sich das Kind nicht wie gewünscht entwickelt.

Auf meine Frage, wie all das denn zu bewerkstelligen sei, neben einem weiteren Kind, einer Partnerschaft, einer Berufstätigkeit, kurz, einem eigenen Leben, erntete ich regelmäßig verständnislose Blicke. Wie kann die bloß noch Ansprüche stellen, dachten  sich manche ganz bestimmt, schließlich hat sie doch jetzt ein behindertes Kind. Als ob man dadurch quasi automatisch zu einer Art moderner Mutter Theresa würde und eigene Wünsche und Bedürfnisse immer hintenanstellen wolle. Ein Spezialist für Down-Syndrom brachte schließlich auf den Punkt, was bestimmt auch schon andere vor ihm gedacht hatten und meinte, ich solle doch meinen Job aufgeben.

Diese Aussage machte mich zuerst sprachlos. Im Nachhinein bin ich dem weltfremden und verbitterten Mann aber sogar ein bisschen dankbar, denn erst durch ihn konnte ich endlich sagen „Stopp, es reicht!“ Damit hatte er zwar das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte, aber für mich wurde alles einfacher. Denn ich hatte verstanden, dass meine Kraft, meine Geduld und auch mein Wille, für meine Kinder da zu sein, begrenzt sind. Nach diesem Arztbesuch beschloss ich, ab sofort nur noch Pauls Mama zu sein. Und seitdem geht es mir viel besser!

Was bedeutet das, nur Mama sein?

Seit diesem Beschluss überlasse ich die Therapien den Therapeuten. Und zu Hause mache ich nur noch Dinge, die mir und den Kindern Spaß machen. Das kann schon auch  mal eine Massage oder ein Lied sein. Mindestens genauso oft aber spielt Paul einfach mit seinem Bruder im Kinderzimmer, während ich die Wäsche zusammenlege, einen Kaffee trinke oder auch einfach mal nichts tue.

Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Paul alle Fördermöglichkeiten bekommt, die er braucht. Vor allem aber ist meine Aufgabe, meine Kinder so zu lieben, wie sie sind.  Und ihnen zu vertrauen, dass sie schon alles lernen werden, was in ihrem Rahmen möglich ist. Dann, wenn es für sie an der Zeit ist. Völlig schnuppe, ob sie mit 1, 2 oder 3 Jahren laufen und wie groß ihr Wortschatz bei der nächsten U-Untersuchung ist.

Denn seien wir mal ehrlich, jede Frühförderung, sei sie auch noch so wissenschaftlich fundiert und gut ausgeführt, ist immer auch eine Art zu sagen, „so wie du bist, bist du nicht gut genug.“

Ganz unabhängig davon finde ich im Übrigen, dass ich als Mutter eines Kindes mit 47 Chromosomen genauso ein Recht auf ein schönes und entspanntes Leben habe wie alle anderen Eltern auch. Denn, so abgedroschen das auch klingen mag, wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut. Warum? Na, weil ich tausendmal geduldiger, liebevoller und humorvoller bin, wenn es mir gut geht.  Und ist nicht ohnehin der größte Liebesbeweis, dem man seinem Kind machen kann, der, zu sagen „mit dir geht es mir gut, du machst mein Leben schön!

 

Eure Kathinka

 

 

Kinder mit Down-Syndrom sind stur! Was für ein Quatsch!

Als Mutter eines besonderen Kindes begegnen mir ständig Vorurteile. Positive genauso wie negative. Damit musste ich erst mal lernen umzugehen. Als frischgebackene „Behinderteneltern“ war das für mich und meinen Freund eine ganz schöne Herausforderung. Schließlich waren wir ja selbst noch nicht so vertraut mit der ganzen Materie. Umso schwieriger war es für uns damals also, diesen Vorurteilen selbstbewusst entgegenzutreten. Insbesondere dann, wenn sie von sogenannten „Experten“ kamen. Von Kinderärzten etwa oder Pädagogen.

Ein typisches Vorurteil über Kinder mit Down-Syndrom lautet folgendermaßen: Ach, die sind total lieb. Richtige Sonnenscheine. Aber auch ganz schön stur!

Nun, nach mehr als eineinhalb Jahren Zusammenleben mit Paul möchte ich gerne mal meinen persönlichen Senf zu dieser Aussage geben. Und der sieht so aus: Kinder mit Down-Syndrom sind genau solche Individuen wie typische Kinder. Sie können liebevoll, charmant und zärtlich sein und im nächsten Moment wütende kleine Schreimonster, an denen nichts mehr eitel Sonnenschein ist. Manche von ihnen sind eher still und introvertiert, andere kleine Abenteurer, die von Anfang an offen auf andere Menschen zugehen (robben, krabbeln oder wie auch immer die motorischen Fähigkeiten das zulassen).

Wenn ich Paul nun mit seinem großen Bruder vergleiche, dann kann ich beim besten Willen nicht feststellen, dass er besonders „stur“ ist. Klar, mit 19 Monaten kommt er wie die meisten Kleinkinder so langsam in die Autonomiephase und möchte mehr und mehr seinen Willen durchsetzen. Gott Sei Dank ist das so! Denn mein Ziel ist ganz bestimmt kein willenloses, stets fügsames Kind. Ich freue mich, dass Paul uns seine Vorlieben und Abneigungen so deutlich macht und hoffe, dass er sich diese Eigenschaft auch als Erwachsener bewahren wird. Etwa, wenn es um Entscheidungen darüber geht, welchen beruflichen Weg er einmal einschlagen wird, wie und mit wem er zusammenleben möchte oder welche Therapien und Hilfsangebote er für sich möchte.

Klar ist aber auch, dass er uns seinen Willen auf eine andere Weise mitteilen muss, als sein Bruder das damals getan hat (und tut!). Denn Paul kann noch nicht sprechen. Auch kann er nicht einfach aufstehen und gehen, wenn ihm etwas nicht passt. Dass er dann eben den Teller vom Tisch wirft, wenn er nicht essen will oder die Augen verdreht, wenn die Erzieherin ihm Wasser zum Trinken anbietet, obwohl er gerade keinen Durst hat, ist für mich keine Sturheit, sondern eher eine klare Aufforderung. Und zwar an uns Erwachsene, achtsam und feinfühlig zu sein. Auf die kleinen Signale zu achten, die Paul uns sendet, wie seine Körpersprache oder seine Mimik. Und nicht einfach das zu tun, was wir gerade für das Richtige halten.

Diese Achtsamkeit und Feinfühligkeit sollten wir als Erwachsene uns aber ohnehin angewöhnen, wenn wir mit Kindern umgehen. Nicht nur bei besonderen Kindern, auch wenn sie bei diesen vielleicht ganz besonders notwendig ist. Und auch im Umgang mit anderen Erwachsenen kann es gar nicht schaden, mal genauer hinzuschauen und zu -hören, was uns jemand wirklich sagen will.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein achtsames Wochenende!

 

Eure Kathinka

 

 

Herbstliebe: Hokaidokürbis mit Tahini und Zatar

Hach, ich liebe den Herbst! Allein diese Farben! Wenn ich aus dem Fenster schaue, leuchtet es überall rot, gelb und orange. Auch auf dem Wochenmarkt ist die Auswahl so bunt wie schon lange nicht mehr. Quietschorangene Kürbisse, knallgelbe Quitten und pinke Rote Beeten. Ist das nicht herrlich?

Endlich kann ich wieder auf dem Balkon sitzen und mich über jeden einzelnen Sonnenstrahl freuen. Kein Schwitzen und kein Sonnenbrand mehr, das tut soo gut!

Und selbst die grauen, regnerischen Tage finde ich irgendwie noch gemütlich. Denn anders als im Sommer kann ich jetzt mit gutem Gewissen einfach mal zu Hause bleiben, ohne etwas zu verpassen. Keine Sommerfeste, lange Nachmittage im Schwimmbad und auch keine Einladungen zum Grillen mehr. Ihr findet das schade? Okay, vielleicht ein bisschen. Aber das kommt ja alles wieder.

Mindestens genauso schön und um einiges entspannter finde ich es aber zum Beispiel, meine Kinder einen halben Nachmittag lang in die Badewanne zu stecken (sie lieben das, ehrlich jetzt!), mich dabei auf den Toilettendeckel zu setzen, und ein Buch zu lesen.

Oder stundenlang Apfelmus zu kochen. Der große Sohn bekommt dann einen Rührlöffel in die Hand, der kleine einen Apfel und alle sind zufrieden. Na gut, zumindest mal eine halbe Stunde 😉

Und genauso wie ich den Herbst liebe, liebe ich auch alles, was man in dieser Jahrszeit so essen kann, allen voran Kürbis. Sogar mein Großer mag den neuerdings wieder, nachdem er ihn letztes Jahr noch verschmäht hat. Vor allem in Form von Kürbispommes zwar, aber immerhin…

Wir Erwachsenen lieben Kürbis aber in jeder Form. Ganz besonders angetan hat es uns allerdings ein Rezept aus dem wundervollen Kochbuch „Jerusalem“ von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. Kennt ihr das? Ich liebe jedes einzelne Rezept darin und könnte stundenlang darin herumblättern!

Im Original wird ein Butternusskürbis verwendet, meine Variante ist aber mit Hokkaido. Den finde ich etwas praktischer, weil man ihn nicht extra schälen muss. Der Kürbis wird solange im Ofen geröstet, bis er buttrig weich und schön süß ist. Dazu gibt es einen nussigen, cremigen Dip aus Sesammus (Tahini) und mediterranen Kräutern (Zatar). Das Ergebnis ist soo lecker! Echtes Soulfood eben. Und davon kann man gerade an dunkleren Tagen doch nie genug kriegen, oder?  So, aber jetzt will ich euch nicht länger auf die Folter spannen, hier ist das Rezept:

Hokaidokürbis mit Tahini und Zatar

#Kürbis; #Herbst #Soulfood; #Herbstküche; #Jerusalem
Kürbis mit Tahini und Zatar

Zutaten:

1 großer Hokkaido-Kürbis (circa 1,5 Kilo), in Spalten geschnitten

2 rote Zwiebeln, ebenfalls in Spalten geschnitten

50 ml Olivenöl

3-4 EL Tahini (Sesammus)

1-2 EL Zitronensaft

1 Knoblauchzehe, zerdrückt

30 g Pinienkerne

1 EL Zatar (das ist eine spezielle Gewürzmischung, die es zum Beispiel in arabischen Läden gibt. Genauso gut funktioniert aber auch jede andere mediterrane Gewürzmischung, etwa Kräuter der Provence)

1/2 Bund glatte Petersilie, grob gehackt

Meersalz und schwarzer Pfeffer

 

Zubereitung:

Den Backofen auf 240 Grad Umluft vorheizen.

Kürbis- und Zwiebelspalten in einer Schüssel mit 3 EL Olivenöl, 1 TL Salz und frisch gemahlenem Pfeffer vermischen. Alles auf einem Backblech verteilen, die Kürbisstücke dabei mit der Schale nach oben legen. Für 30-40 Minuten im Ofen rösten, bis das Gemüse weich und leicht gebräunt ist. Vorsicht, die Zwiebeln garen schneller als der Kürbis. Im Zweifelsfall diese etwas früher aus dem Ofen nehmen!

Für den Dip das Tahini in einer kleinen Schüssel mit Zitronensaft, 2 EL Wasser, dem zerdrückten Knoblauch und einer Prise Salz verrühren. Bei Bedarf etwas mehr Wasser oder Tahini hinzufügen.

Das restliche Olivenöl in einer Pfanne bei geringer Temperatur erhitzen und die Pinienkerne mit 1/2 Teelöffel Salz etwa 2 Minuten anrösten. Umrühren nicht vergessen!

Das Gemüse auf einer großen Platte anrichten. Mit dem Tahini-Dip überziehen und zuletzt die Pinienkerne, die Petersilie und das Zatar darüberstreuen.

Guten Appetit und viel Spaß beim Ausprobieren !

Eure Kathinka

 

PS: Was sind eure liebsten Herbst-Rezepte?

 

 

Oktober: Monat des Down-Syndroms

In den USA ist der Oktober „Down Syndrome Awareness Month“, also ein Monat, in dem Menschen mit Down-Syndrom und ihre Anliegen im Fokus des öffentlichen Interesses stehen sollen. Die National Down Syndrome Society schreibt auf ihrer Website, dass es ihr bei der Aktion darum gehe, Menschen mit Trisomie 21 und ihre Fähigkeiten zu feiern. Und eben mal nicht nur darüber zu reden, was sie alles nicht können: „It’s not about celebrating disabilities, it’s about celebrating abilities.“

Auf die Stärken konzentrieren

Dieser Satz bringt auf den Punkt, was ich selbst so oft denke: Menschen mit Trisomie 21 haben genau wie alle anderen Fähigkeiten, Talente und Interessen. Würde es ihnen nicht mehr helfen, diese stärker in den Mittelpunkt zu stellen statt immer nur ihre Defizite? Wir Menschen brauchen doch alle positive Verstärkung, um am Ball zu bleiben, oder etwa nicht? In meiner Schullaufbahn zumindest habe ich das so erlebt. Nur, wenn ein Lehrer an mich glaubte, war ich überhaupt gewillt, mich anzustrengen. Und dabei geht es mir jetzt nicht um falsche Lobhudelei, sondern schlicht darum, sich auf die Stärken eines Kindes zu konzentrieren, statt nur an den vermeintlichen Schwächen herumzudoktern. Das Gleiche gilt natürlich auch für andere Lebensbereiche, sei es nun in der Medizin, im Sport oder im Beruf. Ständiges Kritisieren und „Optimieren“ führt zumindest bei mir regelmäßig zum Total-Boykott. Mag sein, dass andere da anders ticken…

Ein bisschen mehr Leichtigkeit bitte!

Schade jedenfalls, dass es so einen Awareness-Monat nicht auch bei uns gibt. Das dachte sich wohl auch der Stuttgarter Verein 46PLUS und startete vor kurzem eine große Herbstkampagne. Auf den Plakaten, die hier in Stuttgart momentan aushängen, sieht man Schauspieler Elyas M`Barek mit Model Tamara Röske, die selbst Trisomie 21 hat. Mir sind die Plakate vor allem deshalb ins Auge gesprungen, weil sie so witzig und positiv sind. Denn genau diese Leichtigkeit fehlt mir oft, wenn es in der öffentlichen Debatte um Trisomie 21 geht. Da  liest man eher mal, dass Ärtze einer Schwangeren zum Abbruch raten, weil ein Kind „so viele Fehler habe.“ Tatsächlich, so etwas passiert, wie ihr hier nachlesen könnt. Wen wundert es dann noch, dass 90 Prozent der schwangeren Frauen abtreiben, wenn sie erfahren, dass ihr Kind womöglich das Down-Syndrom hat?

Mir selbst passiert es, seit Paul da ist, immer wieder, dass mich wildfremde Menschen ansprechen, um mit mir Tacheles zu reden. In der Regel sind das nett gemeinte Kommentare wie „Ich halte Abtreibung ebenfalls für Mord“ oder auch „Mein Mann und ich haben uns auch gegen Pränataldiagnostik entschieden.“

Nun bin ich zwar noch nie ein Fan von banalem Smalltalk gewesen, aber ganz ehrlich, wenn ich mit meinen Kindern im Café sitze und Schokoladenkuche esse, steht mir der Sinn nicht unbedingt nach solch kontroversen Themen. Das sind Momente, in denen ich mir einfach wünsche, „normal“ sein zu dürfen. Denn so fühlen wir uns ja auch, wie eine ganz normale Familie mit den üblichen Problemen und dem üblichen Stress, klar, aber auch dem üblichen Bedürfnis nach Entspannung, Nichtstun und Blödsinnmachen.

So, ihr Lieben, wenn ihr also das nächste Mal eine Familie mit einem behinderten Kind seht, dann fühlt euch nicht verpflichtet, ein „ernstes“ Thema anzuschneiden. Ihr müsst nicht fragen, wie es mit der Frühförderung läuft oder ob das Kleine denn „sonst“ gesund sei. Stattdessen könnt ihr auch einfach mal nichts sagen und freundlich lächeln.

Danke und bis bald, eure Kathinka!