Mama oder Co-Therapeutin – wie viel Frühförderung macht Sinn?

Ein ganz normaler Morgen…

beginnt bei uns seit fünf Monaten mit dem Gebrumme des Inhalierapparates, den uns  unsere Kinderärztin für den Babysohn empfohlen hat. Mindestens zweimal täglich. Ob es etwas bringt, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Einen wirklichen Unterschied in der Atmung kann ich nämlich nicht festellen. Und während die kochsalzgeschwängerte Luft in die Babynase strömt, lese ich dem großen Bruder eine Geschichte vor, denn der braucht natürlich auch ein bisschen Aufmerksamkeit.

Wenn der große Bruder dann mit dem Papa auf dem Weg zur Kita ist, geht es endlich so richtig los mit unserem allmorgendlichen Frühförderprogramm. Als erstes kommen die Übungen der Logopädin an die Reihe: Ich massiere das kleine Gesichtchen, um den Kiefer zu lockern, schiebe die Zunge sanft an die richtige Stelle, wenn sie mal wieder weit aus dem Mund heraus hängt und singe gefühlt zehn Mal „Zeigt her eure Füßchen“, während ich jeden einzelnen Minizeh hin und her zwirbele.

Später auf dem Wickeltisch…

sind dann die Übungen aus der Physiotherapie an der Reihe: Von dem Rücken auf den Bauch und wieder zurück, die Füßchen zu den Händen führen und dabei alte Ammenverse aufsagen, die uns die Heilpädagogin auf einen Zettel geschrieben hat, weil ich sie mir sonst nicht merken kann. Beim Stillen lese ich nicht wie bei Sohnemann Nummer eins  meine E-Mails oder daddele mal auf Facebook rum, sondern singe oder lese dem Baby eine Geschichte vor. Der schaut mich dabei mit seinen großen Kulleraugen an, gähnt und schläft ein. Jetzt kann ich endlich duschen. Oder doch endlich mal wieder etwas für den Blog schreiben?

Wir haben es wirklich gut!

Damit mich niemand falsch versteht, ich bin unendlich dankbar für die vielen Angebote, die es für Kinder mit Trisomie 21 heute gibt. Dankbar auch für unser großartiges Solidarsystem, in dem die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft von den Stärkeren getragen werden. Bevor ich beziehungsweise mein Sohn zu den Schwächeren gehörten, war mir gar nicht so bewusst, wie privilegiert wir hier in Deutschland eigentlich sind. Weil wir  in einer Großstadt leben, können wir außerdem aus der vollen Bandbreite an Angeboten schöpfen. Ob klassisch oder anthroposophisch, Inklusions-Kita oder ganz „normal“, es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Vielleicht ist es eher mein Problem als Neu-Mama eines behinderten Kindes, das ich noch nicht so gut einschätzen kann, welche der vielen Angebote Sinn machen und welche nicht. Beim Großen war ich da deutlich entspannter und habe einfach darauf vertraut, dass schon alles schon irgendwie seinen Lauf nehmen wird. Was es ja auch tat, wenn auch nicht immer so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber kann man das bei einem Kind mit Down-Syndrom verantworten? Schließlich wünschen wir uns, dass er eines Tages  autonom leben kann und dafür sind gewisse Kulturtechniken einfach erforderlich. Aber muss mein fünf Monate altes Baby deshalb eine fiese Gaumenplatte bekommen, um später mal sprechen zu lernen? Verbaue ich meinem Kind wichtige Chancen, wenn ich am Wochenende das ganze Programm einfach mal ausfallen lasse und wir stattdessen  als Familie einen Ausflug machen? Wenn ich mal nicht singe, sondern im Auto einfach die alberne Kinder-CD laufen lasse und die Ruhe auf der Rückbank genieße? Und darf es überhaupt das Ziel sein, „so viel wie möglich rauszuholen“ aus einem Kind?

Es wird schon irgendwie werden, oder?

Ehrlich gesagt haben wir diese Fragen noch nicht abschließend für uns beantwortet. Viele werden sich wohl ganz von alleine klären, weil Paul irgendwann seinen eigenen Weg einschlagen wird und uns vielleicht das eine oder andere Mal einen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht ist es auch ein gewisser Erwartungsdruck von außen. Wenn es heute doch so viele Möglichkeiten gibt, Kinder mit Behinderungen zu fördern, hat man als Eltern dann nicht auch die Verantwortung, diese wahrzunehmen?

Sicher haben wir als Eltern eine immense Verantwortung für unsere Kinder, aber, und daran muss ich mich gerade immer wieder selbst erinnern, wir haben zuallererst einmal auch eine Verantwortung für uns selbst! Niemandem in der Familie ist gedient, wenn ich abends mit Herzrasen im Bett liege und einfach nicht einschlafen kann, weil ich mir den Kopf zermartere, ob ich genug tue für mein Kind. Wenn ich meine eigenen Ansprüche immer hinten anstelle, egal, ob es um die kurze Kaffeepause, den Sport oder meine beruflichen Ambitionen geht.

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Einfach mal Spaß haben mit Opa muss auch drin sein!

Dabei kann doch niemand außer uns Eltern selbst besser beurteilen, wie es unseren Kindern geht! Keine Kinderärztin, keine Logopädin oder sonst jemand weiß so instinktiv wie wir, welche Bedürfnisse sie gerade haben und welche wir selbst haben und wie wir die alle unter einen Hut kriegen. Und das gilt selbstverständlich für alle Familien, egal ob mit oder ohne Behinderung, berufstätig oder nicht, mit einem oder mehreren Kindern…

Also Eltern, traut euch, auf euch selbst zu hören, statt nur auf die Experten zu hören oder darauf zu schauen, wie das die Nachbarn regeln mit der Kinderbetreuung, der Aufgabenteilung und der ganzen Frühförderung! Und wenn euer Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht zu euch und eurer Familie passt, dann lasst es bleiben und genießt es, einfach mal wieder zu kuscheln. Und genau das werde auch ich jetzt tun!

 

11 thoughts on “Mama oder Co-Therapeutin – wie viel Frühförderung macht Sinn?

  1. Hallo,
    wir haben nach einiger Zeit nur noch Montessori-Therapie bei Frau Anderlik in Puchheim bei München gemacht. Maria Montessori hat schon vor über hundert Jahren „geistig behinderte Kindern“ zu einem selbständig verholfen, bis zum Schulabschluss! Mit den Monte-Dingen trainierst du je nach Entwicklungsphase Motorik, Sprache und Verhalten… Einfach toll! Und, mein Sohn hat lesen, schreiben und rechnen gelernt und kann sich gut in seine Regelklasse einfügen. Ich glaub ich muss darüber auch mal nen Block schreiben…

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    1. Hallo mutantin,

      wie schön, dass ihr da einen so guten Weg für euch gefunden hat! Und es ist absolut großartig, dass dein Sohn in seiner Regelklasse gut zurecht kommt! Hat er auch Trisomie 21? Paul kommt nächstes Jahr übrigens in einen Montessori-Kindergarten, weil wir den Ansatz auch sehr gut finden. Ich bin schon sehr gespannt, wie das wird. Alles Gute für euch! Liebe Grüße!

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      1. Hallo zurück!
        Mein Sohn hat ein Fragiles X Syndrom. Das ist so wie Trisomie 21 und Autismus?! Montessori ist grundsätzlich super für unsere Kinder, die (Tages-)Struktur der Regelschule aber „leider“, zumindest erstmal besser (Habe letztes Jahr ein Mädel mit Trisomie 21, IQ 43 und Qulifizierendem Hauptschulabschluss mit 2,3 kennengelernt in der Praxis von Frau Anderlik)
        Frau Anderlik hat Bücher zur Inklusion geschrieben… vielleicht ist das auch was für dich? Damit… viel Spass im Kindergarten.

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      2. Hallo mutantin,
        warum meinst du denn, dass die Tagesstruktur an einer Regelschule besser ist? Ich frage das wirklich aus Interesse, weil ich bei diesem Thema noch völlig ahnungslos bin. Glaubst du, dass ein Tag bei Montessori (Kindergarten, Schule etc.) nicht genug strukturiert ist? Bisher habe ich Montessori-Einrichtungen auch als „Regel“ wahrgenommen, wenn auch als private…

        Grundsätzlich glaube ich aber wie du, dass Regelschulen für unsere Kinder „besser“ sind. Zumindest einmal, wenn man als Eltern das Ziel hat, dass bestimmte Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben erlernt werden sollen. Ob die Regelbeschulung für die Kinder und die gesamte Familie auch „schöner“ ist und ob es in jedem individuellen Fall funktioniert, das kann ich aus unserer heutigen Perspektive heraus noch nicht sagen. Da bin ich gespannt, was die Zukunft bringt. Aber es freut mich immer, von Kindern zu hören, die einen „normalen“ Schulabschluss schaffen. Danke dir auf jeden Fall auch für die Lektüre-Tipps, da werde ich mich gerne mal schlau machen. Viele Grüße!

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      3. Hallo Kathinka, jetzt war ich länger nicht mehr da… Sorry!
        Zu deiner Frage bei Montessori wählt das Kind die Arbeit die es gerade machen möchte. Dies bedeutet einen recht großen Freiraum. Bei Fraxis kann dies dazu führen, dass diese immer wieder nur das gleiche wiederholen. Beispielsweise hätte meiner nur geschrieben nicht gerechnet.
        Ausserdem wird in diesen Schulen weniger als in Regelschulen in der Klasse das gleiche gemacht. Das ist aber wichtig weil unsere Kinder lernen indem sie das machen was die anderen tun. Rechen alle, dann macht mein Sohn das auch… was denn auch sonst?
        Ich würde dir raten, dir in einer möglichen Monte.-Schule die Tagsstruktur anzuschauen. Und klar, an Monte- Schulen und an staatlichen Schulen kann man Regelschulabschlüsse. Da habe ich mich falsch ausgedrückt, sorry.
        Herzliche Grüße

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      4. Hallo mutantin, danke für die Antwort! Das Selbst-Bestimmen ist wirklich nicht unbedingt eine Methode, die für alle Kinder passt, das sehe ich genauso so. Wahrscheinlich sogar nur für ein paar wenige, besonders starke, wer weiß…
        Wir schauen uns jetzt erst mal den Montessori-Kindergarten an und sehen, wie Paul dort so zurechtkommt und wie er sich so entwickelt. Bis zur Schule ist es ja zum Glück noch ein Weilchen hin…

        Viele liebe Grüße!
        Kathinka

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  2. Wenn ich mal so als Physiotherapeutin meinen Senf dazu geben darf: Ich denke darüber, dass Frühförderung grundsätzlich nicht sinnlos ist, müssen wir hier nicht diskutieren. Manche Kinder brauchen etwas mehr Unterstützung, um ihre Welt entdecken zu können und für mich gab es, während ich pädiatrisch gearbeitet habe, nichts Schöneres, als zu sehen, wie ein Kind eine neue Bewegung entdeckt oder leichter ein Spielzeug erkunden kann.
    Aber, einzelne Fachleute neigen dazu, nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen und merken sicher nicht so schnell, wie viel das für euch ist. Und überhaupt, hast du sicher den besseren Überblick. Du bist ja (fast) 24h am Tag live dabei! Ich würde dir auch zutrauen, zu merken, wann ein Päuschen Sinn macht. Abgesehen davon, dass absolut keiner etwas davon hat, wenn es dir dabei nicht gut geht!
    Und ein entspannter Familientag bringt allen etwas. Ich denke, die Wirkung von Erholung, gepflegten Beziehungen, fröhlichen Geschwistern… wird oft unterschätzt. (Uff, ich befürchte, mein aktuelles Fachgebiet hat schon sehr abgefärbt. 😀 )
    Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin überzeugt, dass du das gut schaukelst und bitte lass dir kein schlechtes Gewissen einreden, wenn du es mal entspannter angehst! 🙂

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    1. Hallo Äffchen, wie schön, dass du als Fachfrau deinen Senf dazu gibst 🙂 Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass unsere Physiotherapeutin genau wie unsere Logopädin sehr viel Verständnis für unsere Situation aufbringen. Und sie betonen auch immer, wie wichtig es ist, dass es der ganzen Familie gut geht. Problematisch sind eher die Mediziner, die nicht so nah dran sind am KInd. Und da ist es genau so, wie du sagst, sie sehen einen winzigen Ausschnitt und nehmen den dann als Grundlage für Ratschläge wie „Machen Sie die logopädischen Übungen ab sofort bitte drei mal täglich“, ohne darüber nachzudenken, ob das überhaupt zu stemmen ist. Meistens schaffe ich es jetzt, mehr oder weniger entspannt das zu tun, was geht und darauf zu vertrauen, dass sich Vieles auch ohne mein Zutun gut entwickeln wird, durch Geschwister, später mal Erzieher, Freunde etc.

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  3. Und genau so wird das Leben gelebt.
    Hätten wir jedem Arzt oder Therapeuten alles geglaubt – die anderen Kids wären komplett unter die Räder gekommen, wir hätten für nix mehr Zeit und der Spaß wäre verbannt.

    He – Paul – toller Planet hier!

    Grüße
    Matthias

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