Mein unperfektes Ich

Heute war wieder so ein Morgen, an dem es drunter und drüber ging bei uns. Während ich erfolglos versuchte, die Zottelmähne meines großen Sohns zu bändigen, spuckte sein kleiner Bruder die unverdauten Reste seines Frühstückseis ins frisch bezogene Babybettchen. Mein Freund versuchte währenddessen, am Telefon einen Termin im Schlaflabor für den Kleinen zu vereinbaren. Was bei der Lautstärke alles andere als einfach war. Ob denn alles in Ordnung sei bei uns, fragte die freundliche Dame, als sie mich laut „Scheiße“ schreien hörte. Da hatte der Große den Inhalt meines Kulturbeutels auf den Boden gepfeffert, vor lauter Wut über die ungeliebte Haarbürste.

Jetzt sitze ich, immer noch ungeduscht und im Schlafanzug, am Rechner und schreibe diesen Text. Durch meine Brille kann ich kaum noch durchsehen, weil ich sie seit Wochen nicht geputzt habe. Das Baby schläft endlich, aber nicht in seinem Bett, sondern bei mir auf dem Arm.

Das perfekte Leben gibt es nicht

So ist es, unser Leben, chaotisch, laut, anstregend und alles andere als perfekt. Und trotzdem schön. Vielen von euch kommt das sicher bekannt vor. Alles ganz normal, oder?

Komisch, dass wir uns dann so schnell unter Druck gesetzt fühlen und glauben, bei bei anderen laufe alles wie geschmiert. Denn mal ehrlich, auch die kochen doch nur mit Wasser. Mir geht es leider nicht anders. Als ich Anfang der Woche bei Eltern Morphose diesen Text über gewaltfreie Erziehung las, fühlte ich mich sofort ertappt. Denn auch ich setze bei meinen Kindern vieles durch, indem ich meine körperliche Überlegenheit ausnutze. Das fängt beim Zähneputzen an und endet noch lange nicht beim Haarekämmen. Gut fühlt sich das nie an, aber ich habe meistens keine Lust, mich auf Diskussionen einzulassen.

Weil der Text mich aber nachdenklich stimmte, teilte ich ihn auf Facebook. Und war überrascht über die Resonanz. Offenbar machen sich viele Eltern Gedanken, ob sie alles richtig machen. Eigentlich ein gutes Zeichen, finde ich. Anders als in früheren Generationen ist heute offenbar bei den meisten angekommen, dass Kinder vollwertige Wesen mit Rechten und eigener Würde sind. Auch wenn sie vieles noch nicht verstehen und wir ihnen als Erwachsene manchmal den Weg zeigen müssen.

Grundsätzlich finde ich es also gut, dass wir Eltern unser Verhalten häufiger mal in Frage stellen. So ging es mir beim Lesen des Artikels. Denn sehr oft gibt es eine Alternative zum „einfach Durchsetzen“. Da geht das Kind eben mal mit ungekämmten Haaren in den Kindergarten und darf dafür sein Bild zu Ende malen. Ist Kreativität nicht schlussendlich wertvoller als ordentliches Aussehen?  Und bin ich nicht ein authentischeres Vorbild, wenn ich meinen Kindern vorlebe, dass Regeln nicht immer unumstößlich sind, dass man seine Meinung ändern kann und auch Erwachsene Fehler machen?

Es gibt natürlich Situationen, in denen Diskussionen fehl am Platz sind. Wenn es darum geht, Gefahren abzuwenden. Da wird nicht lange gefackelt, sondern festgehalten. Auch Zahnhygiene gehört bei mir zu den Dingen, über die ich nicht diskutieren will. Einem Zweijährigen deren Sinn zu erläutern, würde ihn außerdem schlichtweg überfordern. Was aber nicht heißt, dass ich das Zähneputzen mit Gewalt durchsetzen muss. Vielleicht dauert es dann eine Weile, bis es zum Ritual geworden ist und vielleicht läuft es nicht so perfekt, wie ich es mir wünsche. Dafür vergifte ich aber nicht mehr Tag für Tag die Beziehung zu meinem Kind und signalisiere ihm, dass es Situationen gibt, in denen der Stärkere seinen Willen durch körperliche Überlegenheit durchsetzen darf.

Dass ein solcher Weg anstrengend ist und Nerven kostet steht außer Frage. Trotzdem glaube ich, dass er sich langfristig auszahlt. Nicht, weil unsere Kinder dadurch zu perfekten, wohl erzogenen Geschöpfen würden. Aber hoffentlich zu selbstbewussten jungen Menschen, die ihren eigenen Wert genauso kennen wie den ihrer Mitmenschen und in der Lage sind, sich in diese hineinzuversetzen. Das wünsche ich mir jedenfalls für meine Kinder.

Und uns Eltern wünsche ich, dass wir uns nicht immer gleich schlecht fühlen, wenn wir merken, das Gefühl haben, unsere Autorität zu verlieren, weil alles anders läuft, als wir uns das vorgestellt hatten. Weil das Kind auch mit zwei immer noch nicht alleine einschläft. Oder wochenlang nur Nudeln essen will. Weil wir merken, dass es uns mehr Spaß machen würde, ein paar Stunden zu arbeiten, statt nachmittags zum Eltern-Kind-Turnen zu gehen. Oder umgekehrt. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, glaube ich, sondern solche, die ihnen jeden Tag aufs Neue das Gefühl vermitteln, dass sie so schmutzig, laut, motorisch langsam und hibbelig, wie sie nun mal sind, genau richtig sind.

 

 

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