Selbsterkenntnis – warum aufgeben manchmal die beste Option ist

Als ich 20 war, hatte ich hehre Ziele für mein Leben. Wollte als Volunteer in Ecuador Straßenkindern bessere Bildungschancen ermöglichen. Und später als Journalistin darüber berichten, was alles schief läuft auf der Welt.

Nach sechs Monaten an einer indigenen Schule erkannte ich frustriert, wie wenig mein kleiner Beitrag bewirken konnte. Und musste mir eingestehen, dass ich mehr Lust hatte, durch den Dschungel zu wandern, als darauf, Straßenkindern das Lesen beizubringen.

Vorübergehend beschränkte ich meine Versuche, die Welt zu verändern, darauf, im Weltladen einzukaufen und gelegentlich an einer Demo teilzunehmen. Die Einsicht, dass ich wohl eher für ein stinknormales Studentenleben gemacht war als für eine Laufbahn als Entwicklungshelferin, war schmerzhaft, aber wichtig.

Auch von mir als Mutter hatte ich ein bestimmtes Bild im Kopf, das ich nun immer wieder zurechtrücken muss. Gelassen und konsequent wollte ich sein und mein bisheriges Leben mit Arbeit, Reisen, Yoga und Tanzen weiterführen wie bisher.

Jeden Tag aufs Neue merke ich aber, wie begrenzt meine Energiereserven sind. Viele Ideen, die mir zunächst großartig erscheinen, funktionieren im Alltag dann doch nicht. Wie das Wickeln mit Stoffwindeln, das wir nach einem Jahr wieder aufgegeben haben, oder die Tangoabende mit Kind. Andere schaffen das, aber wir finden es zu anstrengend.

Das Gute daran ist, dass ich durch das regelmäßige Aufgeben von Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, viel lerne. Zum Beispiel, dass es nicht den einen, richtigen Weg gibt. Oder dass auch Altbewährtes manchmal nicht mehr ins eigene Leben passt und es an der Zeit ist, etwas Neues auszuprobieren.

Hier im Blog habe ich schon berichtet, warum ich es nicht schlimm finde, als Mutter nicht perfekt zu sein. Ich glaube, wir sind das beste Vorbild für unsere Kinder, wenn wir uns eingestehen können, Fehler zu machen. Wenn wir ihnen vorleben, dass es manchmal notwendig ist, einen Kurswechsel einzuschlagen. Denn nichts ist in Stein gemeißelt und alles ändert sich ständig.

Heute will ich euch von einigen dieser Kurswechsel erzählen. Und bin gespannt, ob es euch manchmal ähnlich geht.

Kurswechsel 1: Ich arbeite als Mutter anders als ohne Kinder

Sich um kleine Kinder zu kümmern ist harte Arbeit! Trotzdem wollen und müssen die meisten Eltern neben dieser Familienarbeit auch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Und das ist auch möglich. Ich habe nach meiner ersten Elternzeit wieder nahezu Vollzeit gearbeitet. Die allermeisten Väter tun das sowieso. Wer wie wir das Glück hat, relativ geregelte Büro-Arbeitszeiten zu haben und über gute Betreungsmöglichkeiten verfügt, kann den Spagat zwischen Familie und Arbeitsleben schon hinkriegen.

Die Frage ist nur, ob man es will. Denn das Leben von berufstätigen Eltern ist extrem durchgetaktet. Spontane Kneipenbesuche mit Kollegen oder Yogastunden nach Feierabend sind eher nicht mehr drin. Alles muss geplant und mit dem Partner abgesprochen werden. Und wehe, die Kita streikt oder die Hand-Fuß-Mund-Krankheit geht um. Dann sind die zehn Kinderkrankentage, die man als Angesteller pro Jahr hat, ruck zuck aufgebraucht.

Abgesehen davon geht es nach einem anstrengenden Tag im Büro zu Hause nahtlos weiter mit Vorlesen, Trösten, Windelnwechseln. Und zwischendurch muss man auch mal zum Supermarkt oder die Waschmaschine anwerfen. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wir sind durch dieses ständig andauernde Gefragtsein ziemlich anfällig für Infekte geworden. Und müssen uns häufiger krank melden als früher. Arbeitgeber finden das nicht so toll. Ebenso wenig mögen sie es, wenn man am Nachmittag alles stehen und liegen lässt, weil man sein Kind aus der Kita holen will.

Das ist mir recht schnell zu nervenaufreibend geworden. Und so bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich etwas ändern muss. Natürlich will ich arbeiten, denn das macht mir Spaß und irgendwie muss schließlich auch Geld reinkommen. Aber ich will selbst entscheiden, wann, wo und wie viel ich arbeite. Wie das konkret aussehen wird, weiß ich noch nicht und es kann sein, dass damit finanzielle Einbußen verbunden sind.

Kurswechsel 2: Ich akzeptiere, vorübergehend abhängig zu sein

Dieses Thema hat viel mit dem vorherigen zu tun. Wer sich dafür entscheidet, eine Weile oder dauerhaft aus dem Berufsleben auszusteigen oder weniger zu arbeiten, wird abhängig. Vom Partner, den Eltern, staatlichen Transferleistungen.

Die einzig gute Lösung wäre in meinen Augen ein bedingungsloses Grundeinkommen.  Das würde jedem Menschen ermöglichen, frei zu entscheiden, in welchem Umfang er einer Erwerbsarbeit nachgehen, Familienarbeit leisten oder sich in einer anderen Form für die Allgemeinheit engagieren will. So lange es dieses Grundeinkommen nicht gibt, muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er am besten für sich und seine Lieben sorgen kann. Das kann auch bedeuten, vorübergehend abhängig von anderen zu sein.

Kurswechsel 3: Wir sind keine Familie aus dem Bilderbuch

Immer wieder falle ich darauf rein. Zuletzt gestern Abend, beim Martinsumzug im Kindergarten. Es gibt sie nicht, die harmonische Familienidylle aus dem Bilderbuch. Wann höre ich endlich auf, enttäuscht zu sein, wenn alles ganz anders läuft als in meiner Wunschvorstellung? Wenn mein Zweijähriger nicht andächtig das Licht der Laternen  bewundert, sondern schreit, er wolle seine Brezel mit niemandem teilen. Wenn das Baby das liebevoll zubereitete Fingerfood verschmäht und lieber mit dem Löffel gefüttert werden will. Oder wenn der Familienausflug am Wochenende in Zank und Geschrei auf allen Seiten endet.

Vielleicht sollte ich es einfach aufgeben, von einer Bilderbuchfamilie zu träumen. Von uns allen weniger erwarten und akzeptieren, dass miese Stimmung am Esstisch, vergammelte Sonntage und dergleichen bei uns nun mal dazugehören. Denn Kinder sind wie wir Persönlichkeiten und haben ihre eigenen Wünsche, Ziele und Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Oder wie seht ihr das?

 

 

 

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