Lob der Langeweile – Kinder brauchen kein Programm!

Wenn ich an meine frühe Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich ehrlich gesagt an viele langweilige Nachmitage zu Hause. Da gab es keine musikalische Früherziehung, keinen Zwergentanz und auch kein Kleinkindschwimmen. Stattdessen stand meistens Spielen zu Hause oder bei den Großeltern auf dem Programm, alleine oder mit meinen Brüdern und Cousinen. Und irgendwie fanden wir auch immer etwas Faszinierendes: Das verrostete Karussell auf dem Nachbarsgrundstück, die Goldfische im vermoderten Gartenteich oder die Sauna der Großeltern, in der wir „Wüste“ spielten. Die Erwachsenen hielten sich in der Regel im Hintergrund und griffen nur ein, wenn es richtiges Gezeter gab.

Wie anders sieht dagegen der Alltag meiner eigenen Kinder aus! Mit meinem großen Sohn zog ich damals in der Elternzeit das volle Programm an Aktivitäten durch: Yoga mit Baby, Babyschwimmen und Krabbelgruppe. Das war manchmal nett, oft genug aber nur anstrengend und, um ehrlich zu sein, ziemlich unnötig. Zumindest für mein Baby. Ich selbst genoss es schon, mal vor die Tür zu kommen und Menschen zu treffen, die sich gerade mit ganz ähnlichen Themen auseinandersetzten wie ich selbst.

Mit der Kita hatten sich die ganzen Kurse dann aber schnell erledigt, denn nach einem 8-Stunden-Tag hatten weder mein Sohn noch ich große Lust, irgendwo anders hinzugehen als nach Hause.

Mit Kind Nummer zwei und der Diagnose Trisomie 21 bin ich gar nicht erst auf die Idee gekommen, mich für irgendeinen Kurs anzumelden. Mit zwei bis drei Frühförderterminen pro Woche bin ich ehrlich gesagt reichlich bedient. Und mit dem Wechsel von der privaten Krippe in den öffentlichen Kindergarten ist auch der große Sohn nun ab 15 Uhr zu Hause. Das war in den ersten Monaten eine riesige Umstellung für uns alle. Jeden Morgen zermarterte ich mir den Kopf darüber, wie ich die Kinder am Nachmittag irgendwie bei Laune halten könnte. Mit einer Tour zum Spielplatz am anderen Ende der Stadt, mit Kinderturnen oder auch mit einer gemeinsamen Backaktion. Oft genug gingen die Pläne allerdings nach hinten los, weil uns ein Trotzanfall, eine volle Windel oder einfach nur Regen dazwischenkam. Und dann gab ich einfach auf.

Seit ein paar Wochen gehen wir nach dem Kindergarten direkt nach Hause und machen schlicht und ergreifend NICHTS. Und ihr glaubt ja gar nicht, wie gut das tut! Okay, manchmal gehen wir auch zu einer Freundin oder bekommen selbst Besuch, aber das entscheiden wir ganz spontan. Zugegebenermaßen war es am Anfang schwierig für mich, den Satz „Mama, mir ist soo langweilig“ zu ignorieren. Aber dann habe ich mir einfach gesagt, dass Kinder doch nur kreativ werden können, wenn man ihnen mal nichts vorgibt und dass wir Erwachsenen doch keine Entertainer sind. Ich jedenfalls habe keine Lust, das zu sein. Und siehe da, nach einer Weile Rummeckern baut der Sohn nun Stuhl-Raumschiffe, backt Lego-Kuchen und ziehnt seinen kleinen Bruder auf einem „Schlitten“ durch die Wohnung. Und ich kann währenddessen ganz entspannt einen Tee trinken und mich darin üben, beide Augen zuzudrücken angesichts der Kastanien unter unserer Matratze und der Kuchengabeln im Blumentopf.

Und wenn ich dann mal für einen Moment tief durchgeatmtet habe, dann habe ich auch  richtig Spaß daran, ein Märchen vorzulesen und es mir anschließend mit meinen Jungs mit „Alladin-Kaffee“ gemütlich zu machen. Das ist zwar nichts weiter als geschäumte Milch mit einem Kaffeegewürz von Sonnentor, aber bei meinen Söhnen gerade das Kultgetränk schlechthin.

Und wie handhabt ihr das mit Kinderkursen und Freizeitprogramm? Macht ihr viel mit euren Kids und wenn ja, macht es euch Spaß oder ist es eher Stress? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

 

2 thoughts on “Lob der Langeweile – Kinder brauchen kein Programm!

  1. Super Artikel, hat mich zum denken gebracht. Vielen Dank..

    Also ich glaube folgendes: Wenn ich mit den Kindern zuhause bin, und selbst nicht weiss was ich machen soll, dann merken das die Kinder und fangen an mit „mir ist langweilig“. Eigentlich spiegeln sie meine langweile. Also für solche Fälle ist rausgehen die beste Lösung. Aber wenn ich selbst einen Plan habe dann machen die Kinder auch mit, und beschäftigen sich selbst.

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    1. Hallo Sinan, danke dir. Es stimmt, dass Kinder immer die eigenen Gefühle und auch Handlungen spiegeln, faszinierend, oder? Und so lehrreich…
      Rausgehen finde ich auch immer eine super Idee, vorausgesetzt, die Temperaturen sind nicht so eisig wie im Moment. Und dann reicht oft auch der Garten oder der Spielplatz um die Ecke und es muss gar nicht zwingend der Zoo oder irgendetwas anderes „Besonderes“ sein. LG!

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