Schubladen im Kopf – wenn ich über meine eigenen Vorurteile stolpere…

Heute Morgen hatte ich unverhofft ein nettes Gespräch. In der Kinderarztpraxis setzte sich eine andere Mutter neben mich. Wir kamen ins Gespräch – über die Kinder, den Spagat zwischen Arbeiten und Familie und die schwierige Wohnungssituation hier in Stuttgart. Normaler Smalltalk, aber er lief wie von selbst. Angenehm. Nach ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen. Das passiert mir nicht allzu oft.

Doch dann sagte sie etwas, das mich innerlich zusammenzucken ließ. Die eben noch dagewesene Sympathie war wie weggeblasen. „Hätten wir nur ein Zimmer mehr, dann könnte ich die Kinder nachts auch mal schreien lassen und sie würden längst durchschlafen.“

Ich ließ mir meine Irritation nicht anmerken, beendte das Gespräch aber schnell und machte mich auf den Nachhauseweg.

Nun will ich hier nicht erneut über das Für und Wider von sogenannten „Schlaftrainings“ schreiben. Dazu haben andere Leute, die mehr Ahnung haben als ich, bereits alles gesagt. Und ich selbst habe hier bereits erklärt, weshalb ich das gezielte Schreienlassen  von Babys für falsch und obendrein völlig sinnlos halte.

Heute geht es mir um etwas anderes. Um meine eigene Reaktion nämlich. Denn ich frage mich, ob sie angemessen und gerechtfertig war.

Vorsicht Schublade!

Von anderen Menschen erwarte ich ganz selbstverständlich, dass sie mir und meinen Kindern offen und vorurteilsfrei begegnen. Ich ärgere mich, wenn andere in mir nur „die mit dem behinderten Kind“ sehen, denn ich habe noch ganz andere Facetten. Genausowenig ist mein Sohn einfach nur „der liebe kleine Junge mit Down-Syndrom“. Zu seiner Persönlichkeit gehört auch eine gehörige Portion Wut, wenn etwas nicht so klappt, wie er sich das vorstellt. Dann landet auch gerne mal der proppevolle Teller auf dem Boden. Auf was ich hinaus will ist Folgendes: Jeder von uns trägt eine komplexe, oft auch widersprüchliche Vielfalt an Eigenschaften in sich.  Und es ist ungerecht, einen Menschen auf einige wenige davon zu reduzieren.

Eigentlich bilde ich mir auch ein, offen und tolerant zu sein. Momente wie heute Morgen beweisen mir dann aber, dass dem nicht immer so ist. Denn ganz offenbar teile auch ich die Welt in „Gut“ und „Böse“ ein. Auf der „guten“ Seite stehen dann Eltern, die ihre Kinder auch mal im Familienbett schlafen lassen und auf der „bösen“ diejenigen, die sie schon ganz klein ausquartieren. Dabei ist das natürlich völliger Humbug.

Eltern, die ihr Kind nachts schreien lassen, glauben wahrscheinlich tatsächlich, dass sie das Richtige tun. Womöglich erhoffen sie sich, ihren Kindern auf diese Weise ein gesundes Schlafverhalten angewöhnen zu können oder sie sind nach monatelangem Schlafentzug so am Rande ihrer Kräfte, dass sie eine schnelle „Lösung“ für ihr Problem suchen. Höchstwahrscheinlich haben sie andere Bücher gelesen als ich oder sie hören auf den Rat von Verwandten und Bekannten und nicht auf ihr Bauchgefühl. Wie auch immer, ein falsches Verhalten (und ich nehme mir hier mal ganz dreist heraus, das gezielte Schreienlassen als „falsch zu bezeichnen“ ) macht aus einem Menschen noch keinen schlechten. Jeder von uns verhält sich mal daneben und abgesehen von dieser einen Sache wirkte die Frau auf dem Spielplatz auf mich freundlich und empathisch. Eine Frau, mit der ich gerne mal einen Kaffee trinken würde.

Wir sehen nur einen Mini-Ausschnitt

Letztlich ist es ja immer nur ein Mini-Ausschnitt aus dem Leben der anderen, den wir im Alltag so mitkriegen. Der aggressive Vater in der Umkleidekabine nebenan, der seinen Sohn anschreit, er solle sich endlich mal beeilen, hatte womöglich einen harten Tag und ist sonst ganz anders, liebevoll und geduldig. Ich kenne solche Momente von mir selbst nur zu gut. Da hilft dann alle Theorie über Bindung und Gelassenheit nicht weiter. Wenn der Akku leer ist, kommt manchmal eben das Tier in uns zum Vorschein.

Also, ihr Lieben, seid gnädig mit euch selbst und euren Widersprüchen und natürlich auch mit den Menschen um euch herum.

Bis bald, eure Kathinka

 

Inklusion, Bürgerversicherung, Grundeinkommen – mein Wunschzettel zur Bundestagswahl

Gestern Morgen habe ich in einem einschlägigen feministischen Online-Magazin gelesen, dass die allermeisten Frauen zu bescheiden sind. Und aus diesem Grund bekommen sie auch nicht das, was sie wollen. Ob das nun eine Gehaltserhöhung ist, eine faire Arbeitsteilung mit dem Partner oder einen freien Abend pro Woche. Insgeheim finden  sie nämlich offenbar, dass es ihnen nicht zustehe, etwas zu fordern. Na Mädels, erkennt ihr euch wieder?

Vielleicht liegt es daran, dass ich mit drei Männern zusammenlebe, von denen zumindest die zwei kleinen sehr, sehr willensstark sind. Wer da als Elternteil nicht auch ab und an mal fordert, geht unter! Deshalb bin ich im Fordern vielleicht etwas geübter als andere. Was natürlich trotzdem nicht heißt, dass ich immer bekomme, was ich will. Aber das ist eine andere Geschichte…

Wie ihr alle wisst, ist am kommenden Sonntag Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit, dachte ich, das mit dem Fordern nochmal zu üben. Nur so zur Sicherheit. Nicht, dass ich mir einbilde, dass das ausreicht, um etwas zu verändern. Natürlich ist mir klar, dass ich selbst aktiv werden muss und nicht nur auf „die da oben“ schimpfen darf. Aber das Fordern hilft mir dabei, meinen Kopf mal so richtig klar zu kriegen: Was erwarte ich eigentlich von der Politik? Was kann ich selbst dazu beitragen, wo liegen meine Grenzen? Und was will ich auf jeden Fall verhindern?

Wenn es euch interessiert, zu welchen Schlüssen ich dabei gekommen bin, voilà:

Mein „Wunschzettel“ an die Politik

Stichwort: „Willkommenskultur“: Nachdem ich letzte Woche eine gruseliges Erlebnis in der Bahn hatte, als eine alte Frau einen Mann massiv angemacht hat und außer mir alle wie gebannt in ihr Smartphone starrten und nichts sagten, liegt mir das hier besonders am Herzen: Ich will, dass Deutschland ein offenes Land bleibt! Offen für Menschen, die hier Schutz suchen, die hier arbeiten wollen, ja, und auch für die, die hier schlicht mehr Chancen für sich sehen als in ihrer Heimat. Auch wenn dort kein Krieg herrscht. Wer zum Teufel sind wir denn, dass wir uns einbilden, unseren Wohlstand nicht teilen zu müssen!

Stichwort „Inklusion“: Ich wünsche mir ein Bildungssystem, das jedem Kind eine Chance gibt. Ganz egal, ob es Deutsch als Muttersprache gelernt hat oder nicht, ob seine Eltern Ärzte sind, Maurer oder weiß der Henker was. Und natürlich liegt es mir ganz besonders am Herzen, dass Kinder mit Behinderung ganz selbstverständlich dazugehören. Und nicht in irgendwelchen separaten Einrichtungen untergebracht sind. Denn jeder Mensch hat der Gemeinschaft etwas zu geben, ganz egal, wie seine individuellen Voraussetzungen sind. Ganz wesentlich dafür, dass so ein Bildungssystem funktionieren kann, sind in meinen Augen folgende Punkte:

  • Ein Lehramtsstudium bzw. eine Erzieherausbildung, die angehende Pädagogen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Vorausetzungen der Kinder wirklich vorbereiten;
  • eine viel, viel bessere Ausstattung der Kindergärten und Schulen an Personal, und zwar nicht nur an Lehrern, sondern auch an Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Sprachfachkräften;
  • ein verpflichtendes und selbstverständlich kostenloses letztes Kindergartenjahr. Ja, ich weiß, manche Eltern wollen ihre Kinder nicht schon mit einem Jahr in eine Einrichtung geben. Zumindest aber das letzte Jahr vor der Schule sollte in meinen Augen für alle verpflichtend sein. Weil es manche Kinder sonst einfach nicht schaffen, das nachzuholen, was sie bis dahin verpasst haben, zum Beispiel Sprachkenntnisse, die eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen sind.

Stichwort „Arbeiten“: Der Arbeitsmarkt in Deutschland, so wie er heute ist, bevorzugt genau eine Art von Arbeitnehmer: Den Vollzeit-arbeitenden Angestellten, der 40 Jahre lang brav in die Rentenkasse einzahlt und möglichst keine Lücken im Lebenslauf hat. Sorry, aber das halte ich für eine gehörige Ungerechtigkeit! Denn so viele Menschen bleiben dabei auf der Strecke: Eltern (vor allem Mütter), die in Teilzeit oder auch gar nicht „arbeiten“, weil sie den Großteil der unbezahlten Familienarbeit stemmen, 450-Euro-Jobber und kleine Selbstständige, die keinerlei soziale Absicherung haben und erst recht nichts übrig für eine private Altersvorsorge, junge Leute, die sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten hangeln. Wie man diese Situation ändern kann? Diese Ideen wären zumindest mal ein Anfang:

  • Eine Bürgerversicherung, die endlich Schluss machen würde mit diesem Irrsinn von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und die alle, also auch Selbstständige, Beamte, Minijobber, Familienarbeitleister und all diejenigen, die bislang durchs soziale Netz fallen, einbeziehen würde;
  • ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem Menschen auch in Lebensphasen, in denen er nicht so viel Erwerbsarbeit leisten kann, eine würdige Existenzgrundlage bietet;
  • das gesetzliche Recht für alle Teilzeitangestellten, irgendwann wieder in Vollzeit arbeiten zu können, wenn dies denn gewünscht wird;
  • wirklich flexible Arbeitszeiten und Homeoffice. Ja, ich weiß, das ist eine alte Leier. Wer aber schon mal die Erfahrung gemacht hat, wie schnell die Kinderkrankentage jedes Jahr aufgebraucht sind und wie schwierig es ist, verlorene Stunden nachzuarbeiten, wenn ein Kind mal wegen Fieber früher aus der Kita abgeholt werden muss, der weiß, wovon ich rede.

Stichwort „Umweltschutz“: Ob in der Kindererziehung oder im „richtigen“ Leben, Verbote sind genauso wenig sinnvoll wie Belohnungen und Strafen. Aber es gibt ein paar Punkte, da würde ich gerne eine Ausnahme machen, so sehr bringen sie mich in Rage:

  • Coffee-to-go-Becher: Die würde ich gerne augenblicklich verbieten. Jeden Tag frage ich mich, wie Menschen es als Genuss empfinden können, im Verkehrsgetümmel oder in der überfüllten Bahn lauwarmen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken. Haben die nicht 5 Minuten Zeit, um sich hinzusetzen, zu Hause oder meinetwegen auch an einer Bar? Und wenn schon unterwegs, dann doch bitte mit einem Mehrwegbecher! Die Vorstellung, dass unsere Kinder mal Mikroplastik im Trinkwasser haben werden, weil wir heute diesen dämlichen Trend mitmachen müssen, macht mir wirklich Angst.
  • Verkehr in der Innenstadt: Stuttgart hat ein gut ausgebautes und zuverlässiges Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem stauen sich Tag für Tag Tausende von Autos durch die Straßen. Ich rede jetzt nicht von denen, die außerhalb wohnen und zig mal umsteigen müssten, um zur Arbeit zu kommen. Sondern von denen, die einfach keine Lust haben auf die Öffis und denen es offenbar schnurzpiepsegal ist, dass wir Feinstaub-Welt-Hauptstadt sind. Wenn sogar schon die Gerichte entscheiden, dass die Gesundheit von Menschen über die Freiheit des Einzelnen gehen, dann sehe ich Fahrverbote wirklich als letzte Chance.

Und, wie seht ihr das? Was wünscht ihr euch von der zukünftigen Bundesregierung?