Adiós Frühförderung – wie ich aufhörte , Co-Therapeutin für mein Kind zu sein und viel entspannter wurde

Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Blogpost im vergangenen Jahr, in dem ich davon berichtet habe, wie sehr mich Pauls Frühförderprogramm stresste. Dabei waren es nicht allein die vielen Termine, die er von der Logopädie über die Physiotherapie bis hin zur Heilpädagogik Woche für Woche hatte. Was mich wirklich fertig machte war mein eigener Anspruch, die perfekte Co-Therapeutin für mein Kind zu sein.

Dabei bin ich von Haus aus eigentlich keine Perfektionistin. Ob Schule, Studium oder Job, eigentlich war mir der Weg des geringsten Aufwands immer ganz lieb. Und weil ich damit meist auch ganz gut fuhr sah ich keinen Grund, groß etwas zu verändern.

Aber dann kam Paul

Und mit ihm die vielen guten und gut gemeinten Ratschläge von Ärzten und Therapeuten: „Üben Sie jeden Tag eine halbe Stunde dies und eine Viertelstunde das und dann massieren Sie ihm die Füße.  Singen Sie, lesen Sie vor und inhalieren Sie täglich…“

Denn schließlich, so der Tenor, könne man bei Down-Syndrom heute ja soo viel machen. Was im Umkehrschluss natürlich nichts anderes heißt, als dass man selbst schuld ist, wenn sich das Kind nicht wie gewünscht entwickelt.

Auf meine Frage, wie all das denn zu bewerkstelligen sei, neben einem weiteren Kind, einer Partnerschaft, einer Berufstätigkeit, kurz, einem eigenen Leben, erntete ich regelmäßig verständnislose Blicke. Wie kann die bloß noch Ansprüche stellen, dachten  sich manche ganz bestimmt, schließlich hat sie doch jetzt ein behindertes Kind. Als ob man dadurch quasi automatisch zu einer Art moderner Mutter Theresa würde und eigene Wünsche und Bedürfnisse immer hintenanstellen wolle. Ein Spezialist für Down-Syndrom brachte schließlich auf den Punkt, was bestimmt auch schon andere vor ihm gedacht hatten und meinte, ich solle doch meinen Job aufgeben.

Diese Aussage machte mich zuerst sprachlos. Im Nachhinein bin ich dem weltfremden und verbitterten Mann aber sogar ein bisschen dankbar, denn erst durch ihn konnte ich endlich sagen „Stopp, es reicht!“ Damit hatte er zwar das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte, aber für mich wurde alles einfacher. Denn ich hatte verstanden, dass meine Kraft, meine Geduld und auch mein Wille, für meine Kinder da zu sein, begrenzt sind. Nach diesem Arztbesuch beschloss ich, ab sofort nur noch Pauls Mama zu sein. Und seitdem geht es mir viel besser!

Was bedeutet das, nur Mama sein?

Seit diesem Beschluss überlasse ich die Therapien den Therapeuten. Und zu Hause mache ich nur noch Dinge, die mir und den Kindern Spaß machen. Das kann schon auch  mal eine Massage oder ein Lied sein. Mindestens genauso oft aber spielt Paul einfach mit seinem Bruder im Kinderzimmer, während ich die Wäsche zusammenlege, einen Kaffee trinke oder auch einfach mal nichts tue.

Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Paul alle Fördermöglichkeiten bekommt, die er braucht. Vor allem aber ist meine Aufgabe, meine Kinder so zu lieben, wie sie sind.  Und ihnen zu vertrauen, dass sie schon alles lernen werden, was in ihrem Rahmen möglich ist. Dann, wenn es für sie an der Zeit ist. Völlig schnuppe, ob sie mit 1, 2 oder 3 Jahren laufen und wie groß ihr Wortschatz bei der nächsten U-Untersuchung ist.

Denn seien wir mal ehrlich, jede Frühförderung, sei sie auch noch so wissenschaftlich fundiert und gut ausgeführt, ist immer auch eine Art zu sagen, „so wie du bist, bist du nicht gut genug.“

Ganz unabhängig davon finde ich im Übrigen, dass ich als Mutter eines Kindes mit 47 Chromosomen genauso ein Recht auf ein schönes und entspanntes Leben habe wie alle anderen Eltern auch. Denn, so abgedroschen das auch klingen mag, wenn es mir gut geht, geht es auch meinen Kindern gut. Warum? Na, weil ich tausendmal geduldiger, liebevoller und humorvoller bin, wenn es mir gut geht.  Und ist nicht ohnehin der größte Liebesbeweis, dem man seinem Kind machen kann, der, zu sagen „mit dir geht es mir gut, du machst mein Leben schön!

 

Eure Kathinka

 

 

Kinder mit Down-Syndrom sind stur! Was für ein Quatsch!

Als Mutter eines besonderen Kindes begegnen mir ständig Vorurteile. Positive genauso wie negative. Damit musste ich erst mal lernen umzugehen. Als frischgebackene „Behinderteneltern“ war das für mich und meinen Freund eine ganz schöne Herausforderung. Schließlich waren wir ja selbst noch nicht so vertraut mit der ganzen Materie. Umso schwieriger war es für uns damals also, diesen Vorurteilen selbstbewusst entgegenzutreten. Insbesondere dann, wenn sie von sogenannten „Experten“ kamen. Von Kinderärzten etwa oder Pädagogen.

Ein typisches Vorurteil über Kinder mit Down-Syndrom lautet folgendermaßen: Ach, die sind total lieb. Richtige Sonnenscheine. Aber auch ganz schön stur!

Nun, nach mehr als eineinhalb Jahren Zusammenleben mit Paul möchte ich gerne mal meinen persönlichen Senf zu dieser Aussage geben. Und der sieht so aus: Kinder mit Down-Syndrom sind genau solche Individuen wie typische Kinder. Sie können liebevoll, charmant und zärtlich sein und im nächsten Moment wütende kleine Schreimonster, an denen nichts mehr eitel Sonnenschein ist. Manche von ihnen sind eher still und introvertiert, andere kleine Abenteurer, die von Anfang an offen auf andere Menschen zugehen (robben, krabbeln oder wie auch immer die motorischen Fähigkeiten das zulassen).

Wenn ich Paul nun mit seinem großen Bruder vergleiche, dann kann ich beim besten Willen nicht feststellen, dass er besonders „stur“ ist. Klar, mit 19 Monaten kommt er wie die meisten Kleinkinder so langsam in die Autonomiephase und möchte mehr und mehr seinen Willen durchsetzen. Gott Sei Dank ist das so! Denn mein Ziel ist ganz bestimmt kein willenloses, stets fügsames Kind. Ich freue mich, dass Paul uns seine Vorlieben und Abneigungen so deutlich macht und hoffe, dass er sich diese Eigenschaft auch als Erwachsener bewahren wird. Etwa, wenn es um Entscheidungen darüber geht, welchen beruflichen Weg er einmal einschlagen wird, wie und mit wem er zusammenleben möchte oder welche Therapien und Hilfsangebote er für sich möchte.

Klar ist aber auch, dass er uns seinen Willen auf eine andere Weise mitteilen muss, als sein Bruder das damals getan hat (und tut!). Denn Paul kann noch nicht sprechen. Auch kann er nicht einfach aufstehen und gehen, wenn ihm etwas nicht passt. Dass er dann eben den Teller vom Tisch wirft, wenn er nicht essen will oder die Augen verdreht, wenn die Erzieherin ihm Wasser zum Trinken anbietet, obwohl er gerade keinen Durst hat, ist für mich keine Sturheit, sondern eher eine klare Aufforderung. Und zwar an uns Erwachsene, achtsam und feinfühlig zu sein. Auf die kleinen Signale zu achten, die Paul uns sendet, wie seine Körpersprache oder seine Mimik. Und nicht einfach das zu tun, was wir gerade für das Richtige halten.

Diese Achtsamkeit und Feinfühligkeit sollten wir als Erwachsene uns aber ohnehin angewöhnen, wenn wir mit Kindern umgehen. Nicht nur bei besonderen Kindern, auch wenn sie bei diesen vielleicht ganz besonders notwendig ist. Und auch im Umgang mit anderen Erwachsenen kann es gar nicht schaden, mal genauer hinzuschauen und zu -hören, was uns jemand wirklich sagen will.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein achtsames Wochenende!

 

Eure Kathinka

 

 

Herbstliebe: Hokaidokürbis mit Tahini und Zatar

Hach, ich liebe den Herbst! Allein diese Farben! Wenn ich aus dem Fenster schaue, leuchtet es überall rot, gelb und orange. Auch auf dem Wochenmarkt ist die Auswahl so bunt wie schon lange nicht mehr. Quietschorangene Kürbisse, knallgelbe Quitten und pinke Rote Beeten. Ist das nicht herrlich?

Endlich kann ich wieder auf dem Balkon sitzen und mich über jeden einzelnen Sonnenstrahl freuen. Kein Schwitzen und kein Sonnenbrand mehr, das tut soo gut!

Und selbst die grauen, regnerischen Tage finde ich irgendwie noch gemütlich. Denn anders als im Sommer kann ich jetzt mit gutem Gewissen einfach mal zu Hause bleiben, ohne etwas zu verpassen. Keine Sommerfeste, lange Nachmittage im Schwimmbad und auch keine Einladungen zum Grillen mehr. Ihr findet das schade? Okay, vielleicht ein bisschen. Aber das kommt ja alles wieder.

Mindestens genauso schön und um einiges entspannter finde ich es aber zum Beispiel, meine Kinder einen halben Nachmittag lang in die Badewanne zu stecken (sie lieben das, ehrlich jetzt!), mich dabei auf den Toilettendeckel zu setzen, und ein Buch zu lesen.

Oder stundenlang Apfelmus zu kochen. Der große Sohn bekommt dann einen Rührlöffel in die Hand, der kleine einen Apfel und alle sind zufrieden. Na gut, zumindest mal eine halbe Stunde 😉

Und genauso wie ich den Herbst liebe, liebe ich auch alles, was man in dieser Jahrszeit so essen kann, allen voran Kürbis. Sogar mein Großer mag den neuerdings wieder, nachdem er ihn letztes Jahr noch verschmäht hat. Vor allem in Form von Kürbispommes zwar, aber immerhin…

Wir Erwachsenen lieben Kürbis aber in jeder Form. Ganz besonders angetan hat es uns allerdings ein Rezept aus dem wundervollen Kochbuch „Jerusalem“ von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. Kennt ihr das? Ich liebe jedes einzelne Rezept darin und könnte stundenlang darin herumblättern!

Im Original wird ein Butternusskürbis verwendet, meine Variante ist aber mit Hokkaido. Den finde ich etwas praktischer, weil man ihn nicht extra schälen muss. Der Kürbis wird solange im Ofen geröstet, bis er buttrig weich und schön süß ist. Dazu gibt es einen nussigen, cremigen Dip aus Sesammus (Tahini) und mediterranen Kräutern (Zatar). Das Ergebnis ist soo lecker! Echtes Soulfood eben. Und davon kann man gerade an dunkleren Tagen doch nie genug kriegen, oder?  So, aber jetzt will ich euch nicht länger auf die Folter spannen, hier ist das Rezept:

Hokaidokürbis mit Tahini und Zatar

#Kürbis; #Herbst #Soulfood; #Herbstküche; #Jerusalem
Kürbis mit Tahini und Zatar

Zutaten:

1 großer Hokkaido-Kürbis (circa 1,5 Kilo), in Spalten geschnitten

2 rote Zwiebeln, ebenfalls in Spalten geschnitten

50 ml Olivenöl

3-4 EL Tahini (Sesammus)

1-2 EL Zitronensaft

1 Knoblauchzehe, zerdrückt

30 g Pinienkerne

1 EL Zatar (das ist eine spezielle Gewürzmischung, die es zum Beispiel in arabischen Läden gibt. Genauso gut funktioniert aber auch jede andere mediterrane Gewürzmischung, etwa Kräuter der Provence)

1/2 Bund glatte Petersilie, grob gehackt

Meersalz und schwarzer Pfeffer

 

Zubereitung:

Den Backofen auf 240 Grad Umluft vorheizen.

Kürbis- und Zwiebelspalten in einer Schüssel mit 3 EL Olivenöl, 1 TL Salz und frisch gemahlenem Pfeffer vermischen. Alles auf einem Backblech verteilen, die Kürbisstücke dabei mit der Schale nach oben legen. Für 30-40 Minuten im Ofen rösten, bis das Gemüse weich und leicht gebräunt ist. Vorsicht, die Zwiebeln garen schneller als der Kürbis. Im Zweifelsfall diese etwas früher aus dem Ofen nehmen!

Für den Dip das Tahini in einer kleinen Schüssel mit Zitronensaft, 2 EL Wasser, dem zerdrückten Knoblauch und einer Prise Salz verrühren. Bei Bedarf etwas mehr Wasser oder Tahini hinzufügen.

Das restliche Olivenöl in einer Pfanne bei geringer Temperatur erhitzen und die Pinienkerne mit 1/2 Teelöffel Salz etwa 2 Minuten anrösten. Umrühren nicht vergessen!

Das Gemüse auf einer großen Platte anrichten. Mit dem Tahini-Dip überziehen und zuletzt die Pinienkerne, die Petersilie und das Zatar darüberstreuen.

Guten Appetit und viel Spaß beim Ausprobieren !

Eure Kathinka

 

PS: Was sind eure liebsten Herbst-Rezepte?

 

 

Oktober: Monat des Down-Syndroms

In den USA ist der Oktober „Down Syndrome Awareness Month“, also ein Monat, in dem Menschen mit Down-Syndrom und ihre Anliegen im Fokus des öffentlichen Interesses stehen sollen. Die National Down Syndrome Society schreibt auf ihrer Website, dass es ihr bei der Aktion darum gehe, Menschen mit Trisomie 21 und ihre Fähigkeiten zu feiern. Und eben mal nicht nur darüber zu reden, was sie alles nicht können: „It’s not about celebrating disabilities, it’s about celebrating abilities.“

Auf die Stärken konzentrieren

Dieser Satz bringt auf den Punkt, was ich selbst so oft denke: Menschen mit Trisomie 21 haben genau wie alle anderen Fähigkeiten, Talente und Interessen. Würde es ihnen nicht mehr helfen, diese stärker in den Mittelpunkt zu stellen statt immer nur ihre Defizite? Wir Menschen brauchen doch alle positive Verstärkung, um am Ball zu bleiben, oder etwa nicht? In meiner Schullaufbahn zumindest habe ich das so erlebt. Nur, wenn ein Lehrer an mich glaubte, war ich überhaupt gewillt, mich anzustrengen. Und dabei geht es mir jetzt nicht um falsche Lobhudelei, sondern schlicht darum, sich auf die Stärken eines Kindes zu konzentrieren, statt nur an den vermeintlichen Schwächen herumzudoktern. Das Gleiche gilt natürlich auch für andere Lebensbereiche, sei es nun in der Medizin, im Sport oder im Beruf. Ständiges Kritisieren und „Optimieren“ führt zumindest bei mir regelmäßig zum Total-Boykott. Mag sein, dass andere da anders ticken…

Ein bisschen mehr Leichtigkeit bitte!

Schade jedenfalls, dass es so einen Awareness-Monat nicht auch bei uns gibt. Das dachte sich wohl auch der Stuttgarter Verein 46PLUS und startete vor kurzem eine große Herbstkampagne. Auf den Plakaten, die hier in Stuttgart momentan aushängen, sieht man Schauspieler Elyas M`Barek mit Model Tamara Röske, die selbst Trisomie 21 hat. Mir sind die Plakate vor allem deshalb ins Auge gesprungen, weil sie so witzig und positiv sind. Denn genau diese Leichtigkeit fehlt mir oft, wenn es in der öffentlichen Debatte um Trisomie 21 geht. Da  liest man eher mal, dass Ärtze einer Schwangeren zum Abbruch raten, weil ein Kind „so viele Fehler habe.“ Tatsächlich, so etwas passiert, wie ihr hier nachlesen könnt. Wen wundert es dann noch, dass 90 Prozent der schwangeren Frauen abtreiben, wenn sie erfahren, dass ihr Kind womöglich das Down-Syndrom hat?

Mir selbst passiert es, seit Paul da ist, immer wieder, dass mich wildfremde Menschen ansprechen, um mit mir Tacheles zu reden. In der Regel sind das nett gemeinte Kommentare wie „Ich halte Abtreibung ebenfalls für Mord“ oder auch „Mein Mann und ich haben uns auch gegen Pränataldiagnostik entschieden.“

Nun bin ich zwar noch nie ein Fan von banalem Smalltalk gewesen, aber ganz ehrlich, wenn ich mit meinen Kindern im Café sitze und Schokoladenkuche esse, steht mir der Sinn nicht unbedingt nach solch kontroversen Themen. Das sind Momente, in denen ich mir einfach wünsche, „normal“ sein zu dürfen. Denn so fühlen wir uns ja auch, wie eine ganz normale Familie mit den üblichen Problemen und dem üblichen Stress, klar, aber auch dem üblichen Bedürfnis nach Entspannung, Nichtstun und Blödsinnmachen.

So, ihr Lieben, wenn ihr also das nächste Mal eine Familie mit einem behinderten Kind seht, dann fühlt euch nicht verpflichtet, ein „ernstes“ Thema anzuschneiden. Ihr müsst nicht fragen, wie es mit der Frühförderung läuft oder ob das Kleine denn „sonst“ gesund sei. Stattdessen könnt ihr auch einfach mal nichts sagen und freundlich lächeln.

Danke und bis bald, eure Kathinka!

Schubladen im Kopf – wenn ich über meine eigenen Vorurteile stolpere…

Heute Morgen hatte ich unverhofft ein nettes Gespräch. In der Kinderarztpraxis setzte sich eine andere Mutter neben mich. Wir kamen ins Gespräch – über die Kinder, den Spagat zwischen Arbeiten und Familie und die schwierige Wohnungssituation hier in Stuttgart. Normaler Smalltalk, aber er lief wie von selbst. Angenehm. Nach ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen. Das passiert mir nicht allzu oft.

Doch dann sagte sie etwas, das mich innerlich zusammenzucken ließ. Die eben noch dagewesene Sympathie war wie weggeblasen. „Hätten wir nur ein Zimmer mehr, dann könnte ich die Kinder nachts auch mal schreien lassen und sie würden längst durchschlafen.“

Ich ließ mir meine Irritation nicht anmerken, beendte das Gespräch aber schnell und machte mich auf den Nachhauseweg.

Nun will ich hier nicht erneut über das Für und Wider von sogenannten „Schlaftrainings“ schreiben. Dazu haben andere Leute, die mehr Ahnung haben als ich, bereits alles gesagt. Und ich selbst habe hier bereits erklärt, weshalb ich das gezielte Schreienlassen  von Babys für falsch und obendrein völlig sinnlos halte.

Heute geht es mir um etwas anderes. Um meine eigene Reaktion nämlich. Denn ich frage mich, ob sie angemessen und gerechtfertig war.

Vorsicht Schublade!

Von anderen Menschen erwarte ich ganz selbstverständlich, dass sie mir und meinen Kindern offen und vorurteilsfrei begegnen. Ich ärgere mich, wenn andere in mir nur „die mit dem behinderten Kind“ sehen, denn ich habe noch ganz andere Facetten. Genausowenig ist mein Sohn einfach nur „der liebe kleine Junge mit Down-Syndrom“. Zu seiner Persönlichkeit gehört auch eine gehörige Portion Wut, wenn etwas nicht so klappt, wie er sich das vorstellt. Dann landet auch gerne mal der proppevolle Teller auf dem Boden. Auf was ich hinaus will ist Folgendes: Jeder von uns trägt eine komplexe, oft auch widersprüchliche Vielfalt an Eigenschaften in sich.  Und es ist ungerecht, einen Menschen auf einige wenige davon zu reduzieren.

Eigentlich bilde ich mir auch ein, offen und tolerant zu sein. Momente wie heute Morgen beweisen mir dann aber, dass dem nicht immer so ist. Denn ganz offenbar teile auch ich die Welt in „Gut“ und „Böse“ ein. Auf der „guten“ Seite stehen dann Eltern, die ihre Kinder auch mal im Familienbett schlafen lassen und auf der „bösen“ diejenigen, die sie schon ganz klein ausquartieren. Dabei ist das natürlich völliger Humbug.

Eltern, die ihr Kind nachts schreien lassen, glauben wahrscheinlich tatsächlich, dass sie das Richtige tun. Womöglich erhoffen sie sich, ihren Kindern auf diese Weise ein gesundes Schlafverhalten angewöhnen zu können oder sie sind nach monatelangem Schlafentzug so am Rande ihrer Kräfte, dass sie eine schnelle „Lösung“ für ihr Problem suchen. Höchstwahrscheinlich haben sie andere Bücher gelesen als ich oder sie hören auf den Rat von Verwandten und Bekannten und nicht auf ihr Bauchgefühl. Wie auch immer, ein falsches Verhalten (und ich nehme mir hier mal ganz dreist heraus, das gezielte Schreienlassen als „falsch zu bezeichnen“ ) macht aus einem Menschen noch keinen schlechten. Jeder von uns verhält sich mal daneben und abgesehen von dieser einen Sache wirkte die Frau auf dem Spielplatz auf mich freundlich und empathisch. Eine Frau, mit der ich gerne mal einen Kaffee trinken würde.

Wir sehen nur einen Mini-Ausschnitt

Letztlich ist es ja immer nur ein Mini-Ausschnitt aus dem Leben der anderen, den wir im Alltag so mitkriegen. Der aggressive Vater in der Umkleidekabine nebenan, der seinen Sohn anschreit, er solle sich endlich mal beeilen, hatte womöglich einen harten Tag und ist sonst ganz anders, liebevoll und geduldig. Ich kenne solche Momente von mir selbst nur zu gut. Da hilft dann alle Theorie über Bindung und Gelassenheit nicht weiter. Wenn der Akku leer ist, kommt manchmal eben das Tier in uns zum Vorschein.

Also, ihr Lieben, seid gnädig mit euch selbst und euren Widersprüchen und natürlich auch mit den Menschen um euch herum.

Bis bald, eure Kathinka

 

Inklusion, Bürgerversicherung, Grundeinkommen – mein Wunschzettel zur Bundestagswahl

Gestern Morgen habe ich in einem einschlägigen feministischen Online-Magazin gelesen, dass die allermeisten Frauen zu bescheiden sind. Und aus diesem Grund bekommen sie auch nicht das, was sie wollen. Ob das nun eine Gehaltserhöhung ist, eine faire Arbeitsteilung mit dem Partner oder einen freien Abend pro Woche. Insgeheim finden  sie nämlich offenbar, dass es ihnen nicht zustehe, etwas zu fordern. Na Mädels, erkennt ihr euch wieder?

Vielleicht liegt es daran, dass ich mit drei Männern zusammenlebe, von denen zumindest die zwei kleinen sehr, sehr willensstark sind. Wer da als Elternteil nicht auch ab und an mal fordert, geht unter! Deshalb bin ich im Fordern vielleicht etwas geübter als andere. Was natürlich trotzdem nicht heißt, dass ich immer bekomme, was ich will. Aber das ist eine andere Geschichte…

Wie ihr alle wisst, ist am kommenden Sonntag Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit, dachte ich, das mit dem Fordern nochmal zu üben. Nur so zur Sicherheit. Nicht, dass ich mir einbilde, dass das ausreicht, um etwas zu verändern. Natürlich ist mir klar, dass ich selbst aktiv werden muss und nicht nur auf „die da oben“ schimpfen darf. Aber das Fordern hilft mir dabei, meinen Kopf mal so richtig klar zu kriegen: Was erwarte ich eigentlich von der Politik? Was kann ich selbst dazu beitragen, wo liegen meine Grenzen? Und was will ich auf jeden Fall verhindern?

Wenn es euch interessiert, zu welchen Schlüssen ich dabei gekommen bin, voilà:

Mein „Wunschzettel“ an die Politik

Stichwort: „Willkommenskultur“: Nachdem ich letzte Woche eine gruseliges Erlebnis in der Bahn hatte, als eine alte Frau einen Mann massiv angemacht hat und außer mir alle wie gebannt in ihr Smartphone starrten und nichts sagten, liegt mir das hier besonders am Herzen: Ich will, dass Deutschland ein offenes Land bleibt! Offen für Menschen, die hier Schutz suchen, die hier arbeiten wollen, ja, und auch für die, die hier schlicht mehr Chancen für sich sehen als in ihrer Heimat. Auch wenn dort kein Krieg herrscht. Wer zum Teufel sind wir denn, dass wir uns einbilden, unseren Wohlstand nicht teilen zu müssen!

Stichwort „Inklusion“: Ich wünsche mir ein Bildungssystem, das jedem Kind eine Chance gibt. Ganz egal, ob es Deutsch als Muttersprache gelernt hat oder nicht, ob seine Eltern Ärzte sind, Maurer oder weiß der Henker was. Und natürlich liegt es mir ganz besonders am Herzen, dass Kinder mit Behinderung ganz selbstverständlich dazugehören. Und nicht in irgendwelchen separaten Einrichtungen untergebracht sind. Denn jeder Mensch hat der Gemeinschaft etwas zu geben, ganz egal, wie seine individuellen Voraussetzungen sind. Ganz wesentlich dafür, dass so ein Bildungssystem funktionieren kann, sind in meinen Augen folgende Punkte:

  • Ein Lehramtsstudium bzw. eine Erzieherausbildung, die angehende Pädagogen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Vorausetzungen der Kinder wirklich vorbereiten;
  • eine viel, viel bessere Ausstattung der Kindergärten und Schulen an Personal, und zwar nicht nur an Lehrern, sondern auch an Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Sprachfachkräften;
  • ein verpflichtendes und selbstverständlich kostenloses letztes Kindergartenjahr. Ja, ich weiß, manche Eltern wollen ihre Kinder nicht schon mit einem Jahr in eine Einrichtung geben. Zumindest aber das letzte Jahr vor der Schule sollte in meinen Augen für alle verpflichtend sein. Weil es manche Kinder sonst einfach nicht schaffen, das nachzuholen, was sie bis dahin verpasst haben, zum Beispiel Sprachkenntnisse, die eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen sind.

Stichwort „Arbeiten“: Der Arbeitsmarkt in Deutschland, so wie er heute ist, bevorzugt genau eine Art von Arbeitnehmer: Den Vollzeit-arbeitenden Angestellten, der 40 Jahre lang brav in die Rentenkasse einzahlt und möglichst keine Lücken im Lebenslauf hat. Sorry, aber das halte ich für eine gehörige Ungerechtigkeit! Denn so viele Menschen bleiben dabei auf der Strecke: Eltern (vor allem Mütter), die in Teilzeit oder auch gar nicht „arbeiten“, weil sie den Großteil der unbezahlten Familienarbeit stemmen, 450-Euro-Jobber und kleine Selbstständige, die keinerlei soziale Absicherung haben und erst recht nichts übrig für eine private Altersvorsorge, junge Leute, die sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten hangeln. Wie man diese Situation ändern kann? Diese Ideen wären zumindest mal ein Anfang:

  • Eine Bürgerversicherung, die endlich Schluss machen würde mit diesem Irrsinn von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und die alle, also auch Selbstständige, Beamte, Minijobber, Familienarbeitleister und all diejenigen, die bislang durchs soziale Netz fallen, einbeziehen würde;
  • ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem Menschen auch in Lebensphasen, in denen er nicht so viel Erwerbsarbeit leisten kann, eine würdige Existenzgrundlage bietet;
  • das gesetzliche Recht für alle Teilzeitangestellten, irgendwann wieder in Vollzeit arbeiten zu können, wenn dies denn gewünscht wird;
  • wirklich flexible Arbeitszeiten und Homeoffice. Ja, ich weiß, das ist eine alte Leier. Wer aber schon mal die Erfahrung gemacht hat, wie schnell die Kinderkrankentage jedes Jahr aufgebraucht sind und wie schwierig es ist, verlorene Stunden nachzuarbeiten, wenn ein Kind mal wegen Fieber früher aus der Kita abgeholt werden muss, der weiß, wovon ich rede.

Stichwort „Umweltschutz“: Ob in der Kindererziehung oder im „richtigen“ Leben, Verbote sind genauso wenig sinnvoll wie Belohnungen und Strafen. Aber es gibt ein paar Punkte, da würde ich gerne eine Ausnahme machen, so sehr bringen sie mich in Rage:

  • Coffee-to-go-Becher: Die würde ich gerne augenblicklich verbieten. Jeden Tag frage ich mich, wie Menschen es als Genuss empfinden können, im Verkehrsgetümmel oder in der überfüllten Bahn lauwarmen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken. Haben die nicht 5 Minuten Zeit, um sich hinzusetzen, zu Hause oder meinetwegen auch an einer Bar? Und wenn schon unterwegs, dann doch bitte mit einem Mehrwegbecher! Die Vorstellung, dass unsere Kinder mal Mikroplastik im Trinkwasser haben werden, weil wir heute diesen dämlichen Trend mitmachen müssen, macht mir wirklich Angst.
  • Verkehr in der Innenstadt: Stuttgart hat ein gut ausgebautes und zuverlässiges Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem stauen sich Tag für Tag Tausende von Autos durch die Straßen. Ich rede jetzt nicht von denen, die außerhalb wohnen und zig mal umsteigen müssten, um zur Arbeit zu kommen. Sondern von denen, die einfach keine Lust haben auf die Öffis und denen es offenbar schnurzpiepsegal ist, dass wir Feinstaub-Welt-Hauptstadt sind. Wenn sogar schon die Gerichte entscheiden, dass die Gesundheit von Menschen über die Freiheit des Einzelnen gehen, dann sehe ich Fahrverbote wirklich als letzte Chance.

Und, wie seht ihr das? Was wünscht ihr euch von der zukünftigen Bundesregierung?

 

Ungeduld ist keine Tugend

Vor kurzem las ich tatsächlich auf einem Wahlplakat den Spruch „Ungeduld ist auch eine Tugend“ und musste mich fast wegschmeißen vor Lachen. So etwas Abgedroschenes hatte ich wirklich seit Jahren nicht mehr gelesen.

Meine aktuelle Lebenssituation beweist mir im Übrigen gerade jeden Tag das Gegenteil: Ohne Geduld geht gar nix! Und dann würde ich noch hinzufügen: Und ohne Vertrauen erst recht nicht.

Leider mangelt es mir an beidem häufig, obwohl mir bewusst ist, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Wie heißt es doch so schön: „Alles hat seine Zeit“…

Blöd nur, wenn die so rein gar nicht zu den eigenen Erwartungen und Vorstellungen passt!

So geht es mir zum Beispiel gerade mit Paul. Seit Monaten schon hat er sich, zumindest motorisch, nicht weiterentwickelt. Seit er gelernt hat, sich hinzusetzen, tut sich in diesem Bereich nix mehr. Wie ein kleiner Buddha sitzt er auf dem Boden, beobachtet das Geschehen und brabbelt vor sich hin. Keinerlei Anstalten, zu robben oder gar zu krabbeln. Dabei ist er fast 18 Monate alt und damit auch für ein Kind mit Down-Syndrom eher langsam.

Aber was sollen wir machen? Ihm vormachen, wie krabbeln geht? Haben wir heute Morgen echt versucht, aber mal ehrlich, traue ich mich etwa einen Kopfstand zu machen, nur weil meine Nachbarin auf der Yogamatte neben mir das tut? Oder spreche ich fließend Portugiesisch, wenn ich den Ganzen Tag Bossa-Nova-Musik höre? Eben! Zum Lernen gehört eben mehr als Nachmachen. Echte Motivation zum Beispiel und natürlich gewisse körperliche Voraussetzungen. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen.

Leider vergesse ich das im Alltag immer wieder und frage mich dann allen Ernstes, ob ich jemals wieder die Gelegenheit haben werde, zu frühstücken, ohne dieselbe, halb verdaute Scheibe Brot zigmal vom Boden aufzuheben oder einen zappelnden Kinderpopo auf eine Toilette zu setzen, um ihn keine zwei Minuten wieder herunterzuholen. Ob ich eines Tages mit zwei erwachsenen, einigermaßen sozial kompatiblen Söhnen am Tisch sitzen darf, die ganze Sätze sprechen, Messer und Gabel bedienen können und sich alleine die Schuhe anziehen. Schön wäre das jedenfalls!