Minimalismus in Kopf – wie wir uns mit Notlügen und Schwindeleien das Leben unnötig kompliziert machen

Mein dreijähriger Sohn bringt mich immer wieder in Situationen, die mich mal kurz schlucken lassen. So wie vor ein paar Tagen, als wir draußen vorm Bäckerladen bei Brezel und Kaffee auf einer Mauer saßen. Kaffee für mich und Brezel für die Jungs. Eine für beide wohlgemerkt, denn das Mittagessen lag noch nicht lange zurück.

Da kam eine weitere Familie mit zwei Kindern aus dem Laden, jedes ein süßes Franzbrötchen mampfend. Mein Sohn starrte die beiden an und ich befürchtete schon einen Wutanfall, weil er nun sicher auch so ein Franzbrötchen haben wollte. Aber er meinte nur: „Mama, warum sind die Kinder denn soo dick?“ Er war ehrlich erstaunt, denn dicke Kinder (und diese waren wirklich übergewichtig) kannte er bislang nicht.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Mir war die Situation ehrlich unangenehm, denn sowohl die Kinder als auch ihre Eltern mussten einfach gehört haben, was er gesagt hatte. Andererseits hatte er nur die Wahrheit gesagt, eine ganz offensichtliche noch dazu. Kein Grund also, böse auf ihn zu sein oder gar mit ihm zu schimpfen, wie ich fand.

Wohlwissend, dass die Eltern nun auch meine Antwort hören würden, sagte ich also einfach: „Ich weiß es nicht, mein Schatz. Vielleicht haben sie zu viel gegessen.“

„Bestimmt haben die gaanz viel Eis gegessen“, meinte daraufhin mein Sohn. „Mhmm…“

Nun war diese kleine Szene nicht das erste Mal, dass mich mein Sohn durch seine kindliche Ehrlichkeit in Verlegenheit gebracht hatte. Meine tschechische Freundin, die sehr gut, aber mit Akzent Deutsch spricht,  hatte er gefragt, warum sie denn so komisch sprechen würde. Einen jungen Typen mit Vollbart in der Bahn bezeichnete er als „Opa“.

Klar hätte ich ihm bei jeder dieser Gelegenheiten widersprechen können oder die Situation mit einer Bemerkung wie „aber sie spricht doch ganz toll!“ etwas abmildern können. Ich tat es aber nicht. Weil ich finde, dass man mit der Wahrheit eigentlich nie falsch liegt.

Dabei sind sogenannte „Notlügen“ so allgegenwärtig, dass man ihnen kaum entkommen kann. Und ich muss zugeben, dass auch ich mich schon öfters mal dabei ertappt habe, irgendeinen Mist zu erzählen. Weil es mir in diesem Moment einfacher erschien, ich einen Konflikt vermeiden wollte oder selbst besser dastehen wollte. Kennt ihr das auch?

„Tut mir leid, Süßer, das Eis ist leider ausverkauft!“

„Sorry, ich kann heute doch nicht, habe Magen-Darm.“

„Nee, echt? Mir ist gar nicht aufgefallen, dass du zugenommen hast!“

Aber tun wir uns mit solch faulen Ausreden wirklich einen Gefallen? Ich finde nicht! Und genau deshalb habe ich irgendwann einmal beschlossen, damit aufzuhören. Und das klappt erstaunlich gut und ist soo eine Erleichterung! Denn statt mir überlegen zu müssen, was ich Person x y irgendwann mal erzählt habe und mich dabei in peinlichen Widersprüchen zu verstricken, bleibe ich einfach bei der Wahrheit. Auch wenn das zugegebenermaßen manchmal ungemütlich ist.

„Nein, heute will ich dir kein Eis kaufen.“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe keine Lust, ins Kino zu gehen. Ich würde lieber zu Hause bleiben und lesen.“

„Stimmt, du hast etwas zugenommen. Stört es dich denn?“

Ihr glaubt gar nicht, wie viel einfacher mein Leben dadurch geworden ist! Für mich ist das ein Stück Minimalismus im Kopf, denn ich muss mir viel weniger merken.

Abgesehen davon fühlt es sich für mich einfach besser an, insbesondere meinen Kindern gegenüber. Denn sie verstehen immer mehr von dem, über was wir Erwachsenen uns unterhalten und machen sich so ihr eigenes Bild von der Welt. Und in dieses Bild gehören meiner Meinung nach weder faule Ausreden noch einen Osterhasen und vor allem keine Mama, die dem Papa dieses und der Freundin dann etwas ganz anderes erzählt.

Oder wie handhabt ihr das so?

 

Paulis neues Universum: die Kita

Hallo ihr Lieben! Ich hoffe, es geht euch gut und ihr genießt den Frühling?

Hier auf dem Blog war in den letzten Wochen nicht viel los. Der Grund dafür ist, dass ich gerade damit zu tun habe, Paulis kleines Universum zu erweitern. Also, das echte. Seit Anfang März geht er nämlich in die Kita.

Und zwar in eine ganz „normale“. Und weil ich das so oft gefragt wurde, möchte ich euch erklären, warum es überhaupt kein Problem ist, dass Kinder mit und ohne Behinderung in dieselbe Kita gehen. Denn alle Menschen haben das Recht auf Inklusion. Dieses Menschenrecht ist in der UN-Behindertenrechtskonvention festgelegt und bedeutet, dass jeder Mensch überall dazugehören darf. Eine Gesellschaft, die sich wie die unsere zur Inklusion verpflichtet hat, muss dafür sorgen, dass niemand benachteiligt oder ausgegrenzt wird. Jeder darf so, wie er ist, am ganz „normalen“ Leben teilnehmen.

Inklusion ist ein Menschenrecht

Und das schließt natürlich auch den Besuch von Kindertagesstätten, Schulen oder Vereinen ein. Und wenn das nicht so ohne Weiteres möglich ist? Nun, dann müssen sich die jeweiligen Institutionen eben überlegen, wie sie einem Kind die Hilfe gewährleisten können, die es braucht. Sie müssen sich anpassen, nicht etwa die Kinder. Und das ist ein gewaltiger Unterschied zum Ansatz der Integration, den man früher verfolgte. Damals wurde versucht, Menschen mit einer Behinderung so zu trainieren, dass sie möglichst reibungslos in der Mehrheitsgesellschaft mitlaufen konnten. Also am besten nicht groß auffielen mit ihren Besonderheiten. In einer inklusiven Gesellschaft hingegen ist es normal, besonders zu sein.

Wenn ihr mehr über Inklusion wissen wollt, lest doch mal hier nach, was die Aktion Mensch dazu auf ihrer Website schreibt.

Aber wie soll das gehen, dass jeder überall dabei sein darf? Ist das überhaupt realistisch?

Zugegeben, Inklusion ist nicht einfach so zu haben. Um sie zu verwirklichen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Das kostet Zeit und vor allem guten Willen. Leider sind beide Voraussetzungen nicht immer und überall gegeben. Eine Freundin, die Lehrerin ist, berichtete mir, dass in ihrer Klasse 5 von 30 Kindern „Inklusionsbedarf“ haben, wie es so heißt. Meine Freundin muss sich also nicht nur überlegen, wie sie 30 zappeligen Grundschülern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt (als wäre das nicht Herausforderung genug!), sondern darüber hinaus noch, wie sie ihren Inklusionsschülern gerecht wird. Denn die sollen und wollen natürlich auch lesen, schreiben und rechnen lernen. Nur brauchen sie dafür in der Regel mehr Zeit und Unterstützung als andere Kinder. Ohne zusätzliches und speziell geschultes Personal ist das eigentlich nicht zu schaffen. Ob meine Freundin diese Unterstützung bekommt? Pustekuchen!

Bei den Kleinen klappt es schon ganz gut

Im frühkindlichen Bereich ist man da schon weiter. Das trifft auch auf unsere Kita zu, in der von der Leitung bis zu den Erzieherinnen alle total aufgeschlossen sind. Von der ersten Kontaktaufnahme an fühlte ich mich gut aufgehoben. Ein Kind mit Down-Syndrom? Kein Problem, hatten wir schon, wir freuen uns auf Paul!

Und so haben wir uns dann doch dazu entschieden, unser „besonderes“ Kind genauso früh in eine Kita zu geben wie seinen großen Bruder damals, mit einem knappen Jahr. Denn wir glauben, dass keine Frühfördermaßnahme ein Kind so motivieren kann, wie das andere Kinder tun.

Und bisher läuft auch alles prima. Paul ist zwar noch nicht mobil und beobachtet das allgemeine Gewusel daher im Liegen, aber das scheint ihn nicht zu stören. Wenn ich ihn abhole, ist er bestens gelaunt und strahlt mich an. Seit kurzem klatscht er auch in die Hände, was er sich bei den anderen Kindern abgeschaut haben muss. Eine Erzieherin erzählte mir, dass die sich ganz rührend um ihn kümmern und ihm die Spielsachen bringen, wenn er das nicht selbst schafft. Er ist jetzt halt ihr „Baby“, obwohl er in Wirklichkeit ja gar nicht so viel jünger ist als die anderen. Auf jeden Fall nehmen ihn die Kinder einfach so, wie er ist und haben ihn gern.

Und was seine „besonderen Bedürfnisse“ betrifft? Nun, in ein paar Wochen wird es einen sogenannten „runden Tisch“ geben. Daran werden neben uns Eltern auch die Kita-Leitung, die Erzieherinnen und Pauls Frühförder-Therapeuten teilnehmen. Gemeinsam werden wir überlegen, inwieweit Paul extra Unterstützung braucht.  Höchstwahrscheinlich bekommt die Kita dann ein Budget, über das sie frei verfügen kann. Zum Beispiel, indem sie eine weitere Fachkraft einstellt.

Ansonsten kommt einmal pro Woche eine Physiotherapeutin in die Kita und übt mit Paul. Momentan geht es dabei vor allem darum, dass er sich selbstständig hinsetzen soll, denn das schafft er noch nicht. Auch hier zeigte sich die Kita sehr aufgeschlossen und flexibel. Die Übungen finden im Gruppenraum statt und die anderen Kinder dürfen zuschauen. So bleibt Paul mitten im Geschehen und die Erzieherinnen können sich darüber hinaus die eine oder andere Übung abschauen.

Bisher klappt es also ganz wunderbar mit der Inklusion. Ich bin glücklich, dass sich Pauls kleine Welt nun langsam vergrößert und er seine ersten Freundschaften schließt. Natürlich bin ich gespannt, wie das wird, wenn er irgendwann mal in die Schule kommt und es nicht mehr nur ums Spielen, sondern auch um Leistung geht. Vielleicht treffen wir dann auch mal auf Widerstand, wenn wir unseren Sohn weiter in eine „normale“ Einrichtung schicken wollen. Aber was nützt es, sich da schon heute den Kopf zu zerbrechen? Meine Hoffnung ist einfach, dass Inklusion bis dahin in allen Lebensbereichen ganz selbstverständlich ist.

Holland rockt! Heute ist Welt-Down-Syndrom-Tag!

Wusstet ihr, dass heute Welt-Down-Syndrom-Tag ist?

Mir war bis vor einem Jahr überhaupt nicht bewusst, dass es diesen Tag gibt. Mein Freund machte mich darauf aufmerksam, als ich damals, kurz nach Pauls Geburt, noch in der Klinik war. Bis dahin war das Thema „Down-Syndrom“ für uns beide nicht relevant gewesen. Plötzlich aber war es das, denn neben uns in einem kleinen Bettchen lag nun  Paul, unser zuckersüßes Baby mit Down-Syndrom.

Damals wussten wir noch nicht, was durch dieses eine Chromosom zu viel in jeder Körperzelle auf uns zukommen würde und waren verunsichert. Heute, ein Jahr später, spielt das Down-Syndrom in unserem Alltag keine besonders große Rolle mehr. Paul ist eben so, wie er ist, ein lustiger und liebenswerter kleiner Kerl, der sich für alles etwas mehr Zeit lässt als sein großer Bruder.

In einem Buch, das mir meine Hebamme nach der Geburt damals mitbrachte, habe ich zum ersten Mal die wunderschöne Geschichte „Willkommen in Holland“ von Emiliy Pearl Kingsley gelesen, die selbst Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom ist. Sie hat mich gleichzeitig zu Tränen gerührt und getröstet. Deshalb möchte ich sie auch euch nicht vorenthalten. Außerdem ist das Motto zum diesjährigen Welt-Down-Syndrom-Tag „Holland rockt“  und um das zu verstehen, muss man die Geschichte kennen. Hier ist sie also:

„Willkommen in Holland“

 von Emily Pearl Kingsley

Ich werde oft gefragt zu erklären, wie man sich fühlt, ein Kind aufzuziehen, das eine Behinderung hat. Um Leuten das Gefühl dieser einzigartigen Beziehung zu erklären, benutze ich gerne eine Parabel.

Es ist so:
Wenn man ein Baby bekommt, ist es so, als ob man sich auf eine fantastische Reise begibt — nach Italien. Man kauft eine Menge an Touristenführern und macht wundervolle Pläne. Das Kolosseum, den Michaelangelo, David, die Gondeln in Venedig. Man lernt bestimmt auch ein paar Wörter auf Italienisch. Kurz: Es ist eine sehr schöne Zeit.
Nach einigen Monaten der schönen Vorbereitung ist endlich der große Tag da!!! Du packst deine Koffer!!! Einige Stunden später, das Flugzeug landet. Die Stewardess kommt und sagt „Willkommen in Holland“.
„Holland?“ sagst du. „Was meinen Sie? Ich habe doch einen Urlaub nach Italien gebucht!!! Ich soll doch in Italien sein. Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, nach Italien zu fliegen.“
Aber da war eine Flugplan-Änderung. Der Flieger ist in Holland gelandet und du musst da bleiben. Das Wichtigste ist, dass du nicht in einem dreckigen, seuchenverpesteten Land gelandet bist. Es ist nur anders!
Also, jetzt fängst du wieder an und kaufst neue Touristenführer. Du musst jetzt eine völlig neue Sprache lernen. Und du wirst eine total neue Gruppe von Menschen treffen, die du vielleicht niemals kennen gelernt hättest, wenn die Dinge anders wären.
Es ist nur ein anderer Ort. Es ist langsamer als Italien, vielleicht nicht so viel Glamour. Aber wenn du eine Zeit lang dort bist, merkst du schnell, dass es auch seine Vorteile hat. Du fängst an, um dich zu schauen: Holland hat wunderschöne Windmühlen, Holland hat Tulpen. Holland hat sogar Rembrandt.
Aber jeder, den du kennst, ist zu beschäftigt, die Schönheit Hollands zu erkennen, denn alle sind auf dem Weg nach Italien. Alle erzählen, wie toll es doch in Italien ist und was für eine tolle Zeit der Urlaub doch war. Und – für den Rest deines Lebens wirst du dir sagen, „Ja, das ist der Urlaub, den ich geplant hatte! (Italien) Da wollte ich auch hin!“
Und das Gefühl, verletzt zu sein, einen Traum verloren zu haben, wird nie verschwinden. Denn ein großer Traum ist nicht wahr geworden, ein großer Verlust!
Aber wenn du immer und immer wieder den Verlust deines Italien-Urlaubs beweinst, wirst du niemals die Schönheit Hollands und dessen spezielle Sehenswürdigkeiten sehen, kennen und lieben lernen. Denn Holland ist genauso wie Italien eine Erfahrung für sich und den Betrachter.

Zitiert nach: http://www.down-kind.de/informationen-zu-down-syndrom/erfahrungsberichte/willkommen-in-holland/

#Welt-Down-Syndrom-Tag; #World Down Syndrome Day; #Trisomie 21
Heute ist Welt-Down-Syndrom-Tag!

Ein Jahr geht zu Ende – wofür ich 2016 dankbar bin

Eigentlich hatte ich vor, in meinem letzten Blogpost für dieses Jahr etwas über gute Vorsätze zu schreiben. Zugegegen, das ist nicht sonderlich originell. Außerdem gehöre ich leider zu den Menschen, die ihre Vorsätze im neuen Jahr recht schnell wieder über Bord werfen. Wie gut also, dass mich der Deutschlandfunk heute Morgen auf eine viele bessere Idee gebracht hat!

Hört ihr auch manchmal Deutschlandfunk? Ich sehr oft und gerne, morgens im Bad oder in der Küche beim Gemüseschnippeln. Es ist so unglaublich entspannend, dass es dort keine nervige Werbung gibt! Und die Sendungen sind wirklich interessant. So wie heute Morgen  „Wofür bin ich dankbar im Leben“ aus der Reihe Lebenszeit, die ihr übrigens als Podcast nachhören könnt.

Dankbarkeit macht zufrieden

Dankbarkeit ist ein unglaublich gutes Gefühl, das uns nicht nur zufrieden sein lässt,  sondern, wie ich heute Morgen im Radio erfahren habe, auch unsere Gesundheit verbessern und sogar unsere Lebenserwartung steigern kann. Klar, Gründe zu meckern gibt es immer, aber oft  steigert man sich damit erst so richtig rein in die Negativ-Spirale und kommt dann nur schwer wieder raus. Gründe, dankbar zu sein, gibt es mindestens genauso viele. Oft machen wir uns das nur gar nicht bewusst, weil wir all das Gute, was uns jeden Tag passiert, als selbstverständlich empfinden. Das es das nicht ist, merken wir aber, wenn wir mal einen Blick über unseren Tellerrand hinaus wagen.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich satt und zufrieden in meiner gemütlichen und warmen Wohnung und trinke eine Tasse Tee. Meiner kleinen Familie geht es gut, alle sind gesund und wohlauf. Wir müssen uns keine Sorgen machen über politische Unruhen vor unserer Haustüre und auf diesem Blog darf ich schreiben, was ich will, ohne damit irgend etwas zu riskieren. Als ich gestern im Supermarkt meinen Rucksack samt Geld, Handy und Einkäufen einfach vorm Supermarkt stehen ließ, gab ihn doch tatsächlich ein freundlicher Mensch an der Kasse ab!

Geht es euch ähnlich? Ja, dann ist das doch ein guter Grund, am Sylvesterabend das Jahr Revue passieren zu lassen und eine Liste anzulegen mit all den Dingen, für die ihr dankbar seid. Und vielleicht habt ihr ja sogar Lust, diese Liste hier mit mir in den Kommentaren zu teilen? Dann schaffen wir gemeinsam ganz viel Dankbarkeit und das ist doch ein schöner Ausklang für ein Jahr, oder?

Wofür ich dieses Jahr dankbar bin

Als allererstes fällt mir da die Geburt meines Sohnes Paul ein, der schließlich  Namensgeber für dieses Blog ist. Es ist so schön, dass er nun seit fast zehn Monaten bei uns ist! Mit seiner fröhlichen und liebenswerten Art bringt er mich jeden Tag zum Lachen,  in letzter Zeit besonders durch seine „Küsschen“ und durch seine wild entschlossene Art, nach allem Essbaren zu greifen, auch wenn ihm das noch recht schwer fällt. Dankbar bin ich vor allem auch dafür, dass sein Down-Syndrom bislang keine größeren gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit sich gebracht hat und er sich so gut entwickelt.

Einer der wichtigsten Menschen in Paulis kleinem Universum ist sein großer Bruder. Der hat es dieses Jahr nicht immer leicht gehabt. Er musste sich nicht nur damit arrangieren, die Zuneigung und Aufmerksamkeit seiner Eltern fortan mit jemandem zu teilen, sondern darüber hinaus noch einige Male auf seine Mama verzichten, weil ich mit dem Kleinen für ein paar Nächte in die Kinderklinik musste. Umso dankbarer bin ich dafür, wie toll er mit dieser und generell mit neuen Situationen umgehen kann. Als er mich und Paul zusammen mit seinem Papa eines Morgens aus dem Schlaflabor abholte, meinte er nur ganz cool „die haben den Paul repariert, damit der Paul kein Wildschwein mehr ist (und nicht mehr so schnarcht).“ Auch der neue Kindergarten wurde ruck zuck akzeptiert, weil Benedikt offen und neugierig auf Menschen zugeht. Das macht es uns Eltern oft einfach und dafür bin ich echt dankbar!

Dankbar bin ich auch für all die vielen neuen Menschen, die uns dieses Jahr begleitet haben: Die Therapeuten, die mir immer wieder versichern, dass sich Paul gut macht, wenn ich zwischenzeitlich mal verzweifele, unsere Kinderärztin, die am Abend vor Weihnachten nochmal anrief, um sich zu erkundigen, wie es denn geht und all die anderen freundlichen Ärzte und Schwestern, die wir in den diversen Kinderkliniken kennengelernt haben.

Dankbar bin ich natürlich dafür, dass es dieses Blog gibt, auch wenn ich bislang viel seltener  zum Schreiben komme, als ich es mir wünsche. Aber egal, es ist eine große Bereicherung für mich, hier zu schreiben und ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ich sehe, dass ein Beitrag gelesen oder kommentiert wird! Übrigens, hätte mein Freund nicht eines Abends zu mir gesagt „Und warum machst du  es jetzt nicht einfach?“, dann würde ich wohl noch immer vom Bloggen träumen, statt es einfach zu tun. Danke also auch dafür 😉

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, aber ich bin soo dankbar für mein Elektro-Fahrrad, was mir meinen Alltag mit zwei Kindern in einer hügeligen Stadt wie Stuttgart enorm erleichtert. Und, wofür seid ihr also dankbar?

Ich wünsche euch ein glückliches, wundervolles, entspanntes Jahr 2017! Bis bald!

Selbsterkenntnis – warum aufgeben manchmal die beste Option ist

Als ich 20 war, hatte ich hehre Ziele für mein Leben. Wollte als Volunteer in Ecuador Straßenkindern bessere Bildungschancen ermöglichen. Und später als Journalistin darüber berichten, was alles schief läuft auf der Welt.

Nach sechs Monaten an einer indigenen Schule erkannte ich frustriert, wie wenig mein kleiner Beitrag bewirken konnte. Und musste mir eingestehen, dass ich mehr Lust hatte, durch den Dschungel zu wandern, als darauf, Straßenkindern das Lesen beizubringen.

Vorübergehend beschränkte ich meine Versuche, die Welt zu verändern, darauf, im Weltladen einzukaufen und gelegentlich an einer Demo teilzunehmen. Die Einsicht, dass ich wohl eher für ein stinknormales Studentenleben gemacht war als für eine Laufbahn als Entwicklungshelferin, war schmerzhaft, aber wichtig.

Auch von mir als Mutter hatte ich ein bestimmtes Bild im Kopf, das ich nun immer wieder zurechtrücken muss. Gelassen und konsequent wollte ich sein und mein bisheriges Leben mit Arbeit, Reisen, Yoga und Tanzen weiterführen wie bisher.

Jeden Tag aufs Neue merke ich aber, wie begrenzt meine Energiereserven sind. Viele Ideen, die mir zunächst großartig erscheinen, funktionieren im Alltag dann doch nicht. Wie das Wickeln mit Stoffwindeln, das wir nach einem Jahr wieder aufgegeben haben, oder die Tangoabende mit Kind. Andere schaffen das, aber wir finden es zu anstrengend.

Das Gute daran ist, dass ich durch das regelmäßige Aufgeben von Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, viel lerne. Zum Beispiel, dass es nicht den einen, richtigen Weg gibt. Oder dass auch Altbewährtes manchmal nicht mehr ins eigene Leben passt und es an der Zeit ist, etwas Neues auszuprobieren.

Hier im Blog habe ich schon berichtet, warum ich es nicht schlimm finde, als Mutter nicht perfekt zu sein. Ich glaube, wir sind das beste Vorbild für unsere Kinder, wenn wir uns eingestehen können, Fehler zu machen. Wenn wir ihnen vorleben, dass es manchmal notwendig ist, einen Kurswechsel einzuschlagen. Denn nichts ist in Stein gemeißelt und alles ändert sich ständig.

Heute will ich euch von einigen dieser Kurswechsel erzählen. Und bin gespannt, ob es euch manchmal ähnlich geht.

Kurswechsel 1: Ich arbeite als Mutter anders als ohne Kinder

Sich um kleine Kinder zu kümmern ist harte Arbeit! Trotzdem wollen und müssen die meisten Eltern neben dieser Familienarbeit auch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Und das ist auch möglich. Ich habe nach meiner ersten Elternzeit wieder nahezu Vollzeit gearbeitet. Die allermeisten Väter tun das sowieso. Wer wie wir das Glück hat, relativ geregelte Büro-Arbeitszeiten zu haben und über gute Betreungsmöglichkeiten verfügt, kann den Spagat zwischen Familie und Arbeitsleben schon hinkriegen.

Die Frage ist nur, ob man es will. Denn das Leben von berufstätigen Eltern ist extrem durchgetaktet. Spontane Kneipenbesuche mit Kollegen oder Yogastunden nach Feierabend sind eher nicht mehr drin. Alles muss geplant und mit dem Partner abgesprochen werden. Und wehe, die Kita streikt oder die Hand-Fuß-Mund-Krankheit geht um. Dann sind die zehn Kinderkrankentage, die man als Angesteller pro Jahr hat, ruck zuck aufgebraucht.

Abgesehen davon geht es nach einem anstrengenden Tag im Büro zu Hause nahtlos weiter mit Vorlesen, Trösten, Windelnwechseln. Und zwischendurch muss man auch mal zum Supermarkt oder die Waschmaschine anwerfen. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wir sind durch dieses ständig andauernde Gefragtsein ziemlich anfällig für Infekte geworden. Und müssen uns häufiger krank melden als früher. Arbeitgeber finden das nicht so toll. Ebenso wenig mögen sie es, wenn man am Nachmittag alles stehen und liegen lässt, weil man sein Kind aus der Kita holen will.

Das ist mir recht schnell zu nervenaufreibend geworden. Und so bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich etwas ändern muss. Natürlich will ich arbeiten, denn das macht mir Spaß und irgendwie muss schließlich auch Geld reinkommen. Aber ich will selbst entscheiden, wann, wo und wie viel ich arbeite. Wie das konkret aussehen wird, weiß ich noch nicht und es kann sein, dass damit finanzielle Einbußen verbunden sind.

Kurswechsel 2: Ich akzeptiere, vorübergehend abhängig zu sein

Dieses Thema hat viel mit dem vorherigen zu tun. Wer sich dafür entscheidet, eine Weile oder dauerhaft aus dem Berufsleben auszusteigen oder weniger zu arbeiten, wird abhängig. Vom Partner, den Eltern, staatlichen Transferleistungen.

Die einzig gute Lösung wäre in meinen Augen ein bedingungsloses Grundeinkommen.  Das würde jedem Menschen ermöglichen, frei zu entscheiden, in welchem Umfang er einer Erwerbsarbeit nachgehen, Familienarbeit leisten oder sich in einer anderen Form für die Allgemeinheit engagieren will. So lange es dieses Grundeinkommen nicht gibt, muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er am besten für sich und seine Lieben sorgen kann. Das kann auch bedeuten, vorübergehend abhängig von anderen zu sein.

Kurswechsel 3: Wir sind keine Familie aus dem Bilderbuch

Immer wieder falle ich darauf rein. Zuletzt gestern Abend, beim Martinsumzug im Kindergarten. Es gibt sie nicht, die harmonische Familienidylle aus dem Bilderbuch. Wann höre ich endlich auf, enttäuscht zu sein, wenn alles ganz anders läuft als in meiner Wunschvorstellung? Wenn mein Zweijähriger nicht andächtig das Licht der Laternen  bewundert, sondern schreit, er wolle seine Brezel mit niemandem teilen. Wenn das Baby das liebevoll zubereitete Fingerfood verschmäht und lieber mit dem Löffel gefüttert werden will. Oder wenn der Familienausflug am Wochenende in Zank und Geschrei auf allen Seiten endet.

Vielleicht sollte ich es einfach aufgeben, von einer Bilderbuchfamilie zu träumen. Von uns allen weniger erwarten und akzeptieren, dass miese Stimmung am Esstisch, vergammelte Sonntage und dergleichen bei uns nun mal dazugehören. Denn Kinder sind wie wir Persönlichkeiten und haben ihre eigenen Wünsche, Ziele und Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Oder wie seht ihr das?

 

 

 

Mama oder Co-Therapeutin – wie viel Frühförderung macht Sinn?

Ein ganz normaler Morgen…

beginnt bei uns seit fünf Monaten mit dem Gebrumme des Inhalierapparates, den uns  unsere Kinderärztin für den Babysohn empfohlen hat. Mindestens zweimal täglich. Ob es etwas bringt, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Einen wirklichen Unterschied in der Atmung kann ich nämlich nicht festellen. Und während die kochsalzgeschwängerte Luft in die Babynase strömt, lese ich dem großen Bruder eine Geschichte vor, denn der braucht natürlich auch ein bisschen Aufmerksamkeit.

Wenn der große Bruder dann mit dem Papa auf dem Weg zur Kita ist, geht es endlich so richtig los mit unserem allmorgendlichen Frühförderprogramm. Als erstes kommen die Übungen der Logopädin an die Reihe: Ich massiere das kleine Gesichtchen, um den Kiefer zu lockern, schiebe die Zunge sanft an die richtige Stelle, wenn sie mal wieder weit aus dem Mund heraus hängt und singe gefühlt zehn Mal „Zeigt her eure Füßchen“, während ich jeden einzelnen Minizeh hin und her zwirbele.

Später auf dem Wickeltisch…

sind dann die Übungen aus der Physiotherapie an der Reihe: Von dem Rücken auf den Bauch und wieder zurück, die Füßchen zu den Händen führen und dabei alte Ammenverse aufsagen, die uns die Heilpädagogin auf einen Zettel geschrieben hat, weil ich sie mir sonst nicht merken kann. Beim Stillen lese ich nicht wie bei Sohnemann Nummer eins  meine E-Mails oder daddele mal auf Facebook rum, sondern singe oder lese dem Baby eine Geschichte vor. Der schaut mich dabei mit seinen großen Kulleraugen an, gähnt und schläft ein. Jetzt kann ich endlich duschen. Oder doch endlich mal wieder etwas für den Blog schreiben?

Wir haben es wirklich gut!

Damit mich niemand falsch versteht, ich bin unendlich dankbar für die vielen Angebote, die es für Kinder mit Trisomie 21 heute gibt. Dankbar auch für unser großartiges Solidarsystem, in dem die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft von den Stärkeren getragen werden. Bevor ich beziehungsweise mein Sohn zu den Schwächeren gehörten, war mir gar nicht so bewusst, wie privilegiert wir hier in Deutschland eigentlich sind. Weil wir  in einer Großstadt leben, können wir außerdem aus der vollen Bandbreite an Angeboten schöpfen. Ob klassisch oder anthroposophisch, Inklusions-Kita oder ganz „normal“, es ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Vielleicht ist es eher mein Problem als Neu-Mama eines behinderten Kindes, das ich noch nicht so gut einschätzen kann, welche der vielen Angebote Sinn machen und welche nicht. Beim Großen war ich da deutlich entspannter und habe einfach darauf vertraut, dass schon alles schon irgendwie seinen Lauf nehmen wird. Was es ja auch tat, wenn auch nicht immer so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber kann man das bei einem Kind mit Down-Syndrom verantworten? Schließlich wünschen wir uns, dass er eines Tages  autonom leben kann und dafür sind gewisse Kulturtechniken einfach erforderlich. Aber muss mein fünf Monate altes Baby deshalb eine fiese Gaumenplatte bekommen, um später mal sprechen zu lernen? Verbaue ich meinem Kind wichtige Chancen, wenn ich am Wochenende das ganze Programm einfach mal ausfallen lasse und wir stattdessen  als Familie einen Ausflug machen? Wenn ich mal nicht singe, sondern im Auto einfach die alberne Kinder-CD laufen lasse und die Ruhe auf der Rückbank genieße? Und darf es überhaupt das Ziel sein, „so viel wie möglich rauszuholen“ aus einem Kind?

Es wird schon irgendwie werden, oder?

Ehrlich gesagt haben wir diese Fragen noch nicht abschließend für uns beantwortet. Viele werden sich wohl ganz von alleine klären, weil Paul irgendwann seinen eigenen Weg einschlagen wird und uns vielleicht das eine oder andere Mal einen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht ist es auch ein gewisser Erwartungsdruck von außen. Wenn es heute doch so viele Möglichkeiten gibt, Kinder mit Behinderungen zu fördern, hat man als Eltern dann nicht auch die Verantwortung, diese wahrzunehmen?

Sicher haben wir als Eltern eine immense Verantwortung für unsere Kinder, aber, und daran muss ich mich gerade immer wieder selbst erinnern, wir haben zuallererst einmal auch eine Verantwortung für uns selbst! Niemandem in der Familie ist gedient, wenn ich abends mit Herzrasen im Bett liege und einfach nicht einschlafen kann, weil ich mir den Kopf zermartere, ob ich genug tue für mein Kind. Wenn ich meine eigenen Ansprüche immer hinten anstelle, egal, ob es um die kurze Kaffeepause, den Sport oder meine beruflichen Ambitionen geht.

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Einfach mal Spaß haben mit Opa muss auch drin sein!

Dabei kann doch niemand außer uns Eltern selbst besser beurteilen, wie es unseren Kindern geht! Keine Kinderärztin, keine Logopädin oder sonst jemand weiß so instinktiv wie wir, welche Bedürfnisse sie gerade haben und welche wir selbst haben und wie wir die alle unter einen Hut kriegen. Und das gilt selbstverständlich für alle Familien, egal ob mit oder ohne Behinderung, berufstätig oder nicht, mit einem oder mehreren Kindern…

Also Eltern, traut euch, auf euch selbst zu hören, statt nur auf die Experten zu hören oder darauf zu schauen, wie das die Nachbarn regeln mit der Kinderbetreuung, der Aufgabenteilung und der ganzen Frühförderung! Und wenn euer Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht zu euch und eurer Familie passt, dann lasst es bleiben und genießt es, einfach mal wieder zu kuscheln. Und genau das werde auch ich jetzt tun!

 

Downie und zurückgeblieben? Wie sprechen wir von Menschen mit Behinderung?

Heute Morgen habe ich Radio gehört und mich geärgert. Der Sprecher, der über den Amoklauf in Japan berichtete, bei dem 19 Menschen getötet wurden, sprach von „geistig Zurückgebliebenen“. Bitte was?

Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie schrecklich diese Tat ist und wie viel Angst sie mir als Mutter eines behinderten Kindes macht. Das ist sowieso klar. Was mich aber zusätzlich ärgert, ist die Bezeichnung „geistig Zurückgebliebene“. Tatsache ist, dass es sich bei den getöteten Menschen um die Einwohner eines Behindertenheimes handelte. Um Menschen also, die mit einer genetischen oder einer erworbenen Behinderung  leben. „Zurückgeblieben“ bedeutet aber etwas völlig anderes und ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens schlicht falsch. Denn die Betroffenen hatten entweder von Beginn an andere Voraussetzungen im Leben als die meisten von uns oder ein Unfall oder eine Krankheit haben dazu geführt, dass sie mit einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung leben müssen.

Bin ich überempfindlich?

Vielleicht. Auch, weil ich als Mutter natürlich selbst betroffen bin. Trotzdem finde ich es wichtig, beim Sprechen über andere darauf zu achten, was man eigentlich ausdrückt. Wenn ich „Behinderter“ sage, ist das zwar nicht so respektlos wie „Zurückgebliebener“ oder auch „Downie“, aber ich reduziere dadurch einen Menschen auf eine einzige seiner Eigenschaften,  nämlich seine Behinderung. Dass dieser Mensch außerdem vielleicht noch Musiker, farbenblind, Vegetarier oder Judoka ist, scheint gar nicht von Belang zu sein. Und das finde ich schade!

Deshalb wünsche ich mir, dass wir alle mehr darauf achten, wie wir über andere sprechen. Dafür muss man bereit sein, sich diese anderen genau anzuschauen. Dann erkennt man nämlich schnell, dass sie genauso vielschichtig sind wie wir selbst und es genau wie wir verdienen, mit Respekt behandelt zu werden.