Schubladen im Kopf – wenn ich über meine eigenen Vorurteile stolpere…

Heute Morgen hatte ich unverhofft ein nettes Gespräch. In der Kinderarztpraxis setzte sich eine andere Mutter neben mich. Wir kamen ins Gespräch – über die Kinder, den Spagat zwischen Arbeiten und Familie und die schwierige Wohnungssituation hier in Stuttgart. Normaler Smalltalk, aber er lief wie von selbst. Angenehm. Nach ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen. Das passiert mir nicht allzu oft.

Doch dann sagte sie etwas, das mich innerlich zusammenzucken ließ. Die eben noch dagewesene Sympathie war wie weggeblasen. „Hätten wir nur ein Zimmer mehr, dann könnte ich die Kinder nachts auch mal schreien lassen und sie würden längst durchschlafen.“

Ich ließ mir meine Irritation nicht anmerken, beendte das Gespräch aber schnell und machte mich auf den Nachhauseweg.

Nun will ich hier nicht erneut über das Für und Wider von sogenannten „Schlaftrainings“ schreiben. Dazu haben andere Leute, die mehr Ahnung haben als ich, bereits alles gesagt. Und ich selbst habe hier bereits erklärt, weshalb ich das gezielte Schreienlassen  von Babys für falsch und obendrein völlig sinnlos halte.

Heute geht es mir um etwas anderes. Um meine eigene Reaktion nämlich. Denn ich frage mich, ob sie angemessen und gerechtfertig war.

Vorsicht Schublade!

Von anderen Menschen erwarte ich ganz selbstverständlich, dass sie mir und meinen Kindern offen und vorurteilsfrei begegnen. Ich ärgere mich, wenn andere in mir nur „die mit dem behinderten Kind“ sehen, denn ich habe noch ganz andere Facetten. Genausowenig ist mein Sohn einfach nur „der liebe kleine Junge mit Down-Syndrom“. Zu seiner Persönlichkeit gehört auch eine gehörige Portion Wut, wenn etwas nicht so klappt, wie er sich das vorstellt. Dann landet auch gerne mal der proppevolle Teller auf dem Boden. Auf was ich hinaus will ist Folgendes: Jeder von uns trägt eine komplexe, oft auch widersprüchliche Vielfalt an Eigenschaften in sich.  Und es ist ungerecht, einen Menschen auf einige wenige davon zu reduzieren.

Eigentlich bilde ich mir auch ein, offen und tolerant zu sein. Momente wie heute Morgen beweisen mir dann aber, dass dem nicht immer so ist. Denn ganz offenbar teile auch ich die Welt in „Gut“ und „Böse“ ein. Auf der „guten“ Seite stehen dann Eltern, die ihre Kinder auch mal im Familienbett schlafen lassen und auf der „bösen“ diejenigen, die sie schon ganz klein ausquartieren. Dabei ist das natürlich völliger Humbug.

Eltern, die ihr Kind nachts schreien lassen, glauben wahrscheinlich tatsächlich, dass sie das Richtige tun. Womöglich erhoffen sie sich, ihren Kindern auf diese Weise ein gesundes Schlafverhalten angewöhnen zu können oder sie sind nach monatelangem Schlafentzug so am Rande ihrer Kräfte, dass sie eine schnelle „Lösung“ für ihr Problem suchen. Höchstwahrscheinlich haben sie andere Bücher gelesen als ich oder sie hören auf den Rat von Verwandten und Bekannten und nicht auf ihr Bauchgefühl. Wie auch immer, ein falsches Verhalten (und ich nehme mir hier mal ganz dreist heraus, das gezielte Schreienlassen als „falsch zu bezeichnen“ ) macht aus einem Menschen noch keinen schlechten. Jeder von uns verhält sich mal daneben und abgesehen von dieser einen Sache wirkte die Frau auf dem Spielplatz auf mich freundlich und empathisch. Eine Frau, mit der ich gerne mal einen Kaffee trinken würde.

Wir sehen nur einen Mini-Ausschnitt

Letztlich ist es ja immer nur ein Mini-Ausschnitt aus dem Leben der anderen, den wir im Alltag so mitkriegen. Der aggressive Vater in der Umkleidekabine nebenan, der seinen Sohn anschreit, er solle sich endlich mal beeilen, hatte womöglich einen harten Tag und ist sonst ganz anders, liebevoll und geduldig. Ich kenne solche Momente von mir selbst nur zu gut. Da hilft dann alle Theorie über Bindung und Gelassenheit nicht weiter. Wenn der Akku leer ist, kommt manchmal eben das Tier in uns zum Vorschein.

Also, ihr Lieben, seid gnädig mit euch selbst und euren Widersprüchen und natürlich auch mit den Menschen um euch herum.

Bis bald, eure Kathinka

 

Inklusion, Bürgerversicherung, Grundeinkommen – mein Wunschzettel zur Bundestagswahl

Gestern Morgen habe ich in einem einschlägigen feministischen Online-Magazin gelesen, dass die allermeisten Frauen zu bescheiden sind. Und aus diesem Grund bekommen sie auch nicht das, was sie wollen. Ob das nun eine Gehaltserhöhung ist, eine faire Arbeitsteilung mit dem Partner oder einen freien Abend pro Woche. Insgeheim finden  sie nämlich offenbar, dass es ihnen nicht zustehe, etwas zu fordern. Na Mädels, erkennt ihr euch wieder?

Vielleicht liegt es daran, dass ich mit drei Männern zusammenlebe, von denen zumindest die zwei kleinen sehr, sehr willensstark sind. Wer da als Elternteil nicht auch ab und an mal fordert, geht unter! Deshalb bin ich im Fordern vielleicht etwas geübter als andere. Was natürlich trotzdem nicht heißt, dass ich immer bekomme, was ich will. Aber das ist eine andere Geschichte…

Wie ihr alle wisst, ist am kommenden Sonntag Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit, dachte ich, das mit dem Fordern nochmal zu üben. Nur so zur Sicherheit. Nicht, dass ich mir einbilde, dass das ausreicht, um etwas zu verändern. Natürlich ist mir klar, dass ich selbst aktiv werden muss und nicht nur auf „die da oben“ schimpfen darf. Aber das Fordern hilft mir dabei, meinen Kopf mal so richtig klar zu kriegen: Was erwarte ich eigentlich von der Politik? Was kann ich selbst dazu beitragen, wo liegen meine Grenzen? Und was will ich auf jeden Fall verhindern?

Wenn es euch interessiert, zu welchen Schlüssen ich dabei gekommen bin, voilà:

Mein „Wunschzettel“ an die Politik

Stichwort: „Willkommenskultur“: Nachdem ich letzte Woche eine gruseliges Erlebnis in der Bahn hatte, als eine alte Frau einen Mann massiv angemacht hat und außer mir alle wie gebannt in ihr Smartphone starrten und nichts sagten, liegt mir das hier besonders am Herzen: Ich will, dass Deutschland ein offenes Land bleibt! Offen für Menschen, die hier Schutz suchen, die hier arbeiten wollen, ja, und auch für die, die hier schlicht mehr Chancen für sich sehen als in ihrer Heimat. Auch wenn dort kein Krieg herrscht. Wer zum Teufel sind wir denn, dass wir uns einbilden, unseren Wohlstand nicht teilen zu müssen!

Stichwort „Inklusion“: Ich wünsche mir ein Bildungssystem, das jedem Kind eine Chance gibt. Ganz egal, ob es Deutsch als Muttersprache gelernt hat oder nicht, ob seine Eltern Ärzte sind, Maurer oder weiß der Henker was. Und natürlich liegt es mir ganz besonders am Herzen, dass Kinder mit Behinderung ganz selbstverständlich dazugehören. Und nicht in irgendwelchen separaten Einrichtungen untergebracht sind. Denn jeder Mensch hat der Gemeinschaft etwas zu geben, ganz egal, wie seine individuellen Voraussetzungen sind. Ganz wesentlich dafür, dass so ein Bildungssystem funktionieren kann, sind in meinen Augen folgende Punkte:

  • Ein Lehramtsstudium bzw. eine Erzieherausbildung, die angehende Pädagogen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Vorausetzungen der Kinder wirklich vorbereiten;
  • eine viel, viel bessere Ausstattung der Kindergärten und Schulen an Personal, und zwar nicht nur an Lehrern, sondern auch an Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und Sprachfachkräften;
  • ein verpflichtendes und selbstverständlich kostenloses letztes Kindergartenjahr. Ja, ich weiß, manche Eltern wollen ihre Kinder nicht schon mit einem Jahr in eine Einrichtung geben. Zumindest aber das letzte Jahr vor der Schule sollte in meinen Augen für alle verpflichtend sein. Weil es manche Kinder sonst einfach nicht schaffen, das nachzuholen, was sie bis dahin verpasst haben, zum Beispiel Sprachkenntnisse, die eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Lernen sind.

Stichwort „Arbeiten“: Der Arbeitsmarkt in Deutschland, so wie er heute ist, bevorzugt genau eine Art von Arbeitnehmer: Den Vollzeit-arbeitenden Angestellten, der 40 Jahre lang brav in die Rentenkasse einzahlt und möglichst keine Lücken im Lebenslauf hat. Sorry, aber das halte ich für eine gehörige Ungerechtigkeit! Denn so viele Menschen bleiben dabei auf der Strecke: Eltern (vor allem Mütter), die in Teilzeit oder auch gar nicht „arbeiten“, weil sie den Großteil der unbezahlten Familienarbeit stemmen, 450-Euro-Jobber und kleine Selbstständige, die keinerlei soziale Absicherung haben und erst recht nichts übrig für eine private Altersvorsorge, junge Leute, die sich von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten hangeln. Wie man diese Situation ändern kann? Diese Ideen wären zumindest mal ein Anfang:

  • Eine Bürgerversicherung, die endlich Schluss machen würde mit diesem Irrsinn von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen und die alle, also auch Selbstständige, Beamte, Minijobber, Familienarbeitleister und all diejenigen, die bislang durchs soziale Netz fallen, einbeziehen würde;
  • ein bedingungsloses Grundeinkommen, das jedem Menschen auch in Lebensphasen, in denen er nicht so viel Erwerbsarbeit leisten kann, eine würdige Existenzgrundlage bietet;
  • das gesetzliche Recht für alle Teilzeitangestellten, irgendwann wieder in Vollzeit arbeiten zu können, wenn dies denn gewünscht wird;
  • wirklich flexible Arbeitszeiten und Homeoffice. Ja, ich weiß, das ist eine alte Leier. Wer aber schon mal die Erfahrung gemacht hat, wie schnell die Kinderkrankentage jedes Jahr aufgebraucht sind und wie schwierig es ist, verlorene Stunden nachzuarbeiten, wenn ein Kind mal wegen Fieber früher aus der Kita abgeholt werden muss, der weiß, wovon ich rede.

Stichwort „Umweltschutz“: Ob in der Kindererziehung oder im „richtigen“ Leben, Verbote sind genauso wenig sinnvoll wie Belohnungen und Strafen. Aber es gibt ein paar Punkte, da würde ich gerne eine Ausnahme machen, so sehr bringen sie mich in Rage:

  • Coffee-to-go-Becher: Die würde ich gerne augenblicklich verbieten. Jeden Tag frage ich mich, wie Menschen es als Genuss empfinden können, im Verkehrsgetümmel oder in der überfüllten Bahn lauwarmen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken. Haben die nicht 5 Minuten Zeit, um sich hinzusetzen, zu Hause oder meinetwegen auch an einer Bar? Und wenn schon unterwegs, dann doch bitte mit einem Mehrwegbecher! Die Vorstellung, dass unsere Kinder mal Mikroplastik im Trinkwasser haben werden, weil wir heute diesen dämlichen Trend mitmachen müssen, macht mir wirklich Angst.
  • Verkehr in der Innenstadt: Stuttgart hat ein gut ausgebautes und zuverlässiges Netz von öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem stauen sich Tag für Tag Tausende von Autos durch die Straßen. Ich rede jetzt nicht von denen, die außerhalb wohnen und zig mal umsteigen müssten, um zur Arbeit zu kommen. Sondern von denen, die einfach keine Lust haben auf die Öffis und denen es offenbar schnurzpiepsegal ist, dass wir Feinstaub-Welt-Hauptstadt sind. Wenn sogar schon die Gerichte entscheiden, dass die Gesundheit von Menschen über die Freiheit des Einzelnen gehen, dann sehe ich Fahrverbote wirklich als letzte Chance.

Und, wie seht ihr das? Was wünscht ihr euch von der zukünftigen Bundesregierung?

 

Minimalismus in Kopf – wie wir uns mit Notlügen und Schwindeleien das Leben unnötig kompliziert machen

Mein dreijähriger Sohn bringt mich immer wieder in Situationen, die mich mal kurz schlucken lassen. So wie vor ein paar Tagen, als wir draußen vorm Bäckerladen bei Brezel und Kaffee auf einer Mauer saßen. Kaffee für mich und Brezel für die Jungs. Eine für beide wohlgemerkt, denn das Mittagessen lag noch nicht lange zurück.

Da kam eine weitere Familie mit zwei Kindern aus dem Laden, jedes ein süßes Franzbrötchen mampfend. Mein Sohn starrte die beiden an und ich befürchtete schon einen Wutanfall, weil er nun sicher auch so ein Franzbrötchen haben wollte. Aber er meinte nur: „Mama, warum sind die Kinder denn soo dick?“ Er war ehrlich erstaunt, denn dicke Kinder (und diese waren wirklich übergewichtig) kannte er bislang nicht.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Mir war die Situation ehrlich unangenehm, denn sowohl die Kinder als auch ihre Eltern mussten einfach gehört haben, was er gesagt hatte. Andererseits hatte er nur die Wahrheit gesagt, eine ganz offensichtliche noch dazu. Kein Grund also, böse auf ihn zu sein oder gar mit ihm zu schimpfen, wie ich fand.

Wohlwissend, dass die Eltern nun auch meine Antwort hören würden, sagte ich also einfach: „Ich weiß es nicht, mein Schatz. Vielleicht haben sie zu viel gegessen.“

„Bestimmt haben die gaanz viel Eis gegessen“, meinte daraufhin mein Sohn. „Mhmm…“

Nun war diese kleine Szene nicht das erste Mal, dass mich mein Sohn durch seine kindliche Ehrlichkeit in Verlegenheit gebracht hatte. Meine tschechische Freundin, die sehr gut, aber mit Akzent Deutsch spricht,  hatte er gefragt, warum sie denn so komisch sprechen würde. Einen jungen Typen mit Vollbart in der Bahn bezeichnete er als „Opa“.

Klar hätte ich ihm bei jeder dieser Gelegenheiten widersprechen können oder die Situation mit einer Bemerkung wie „aber sie spricht doch ganz toll!“ etwas abmildern können. Ich tat es aber nicht. Weil ich finde, dass man mit der Wahrheit eigentlich nie falsch liegt.

Dabei sind sogenannte „Notlügen“ so allgegenwärtig, dass man ihnen kaum entkommen kann. Und ich muss zugeben, dass auch ich mich schon öfters mal dabei ertappt habe, irgendeinen Mist zu erzählen. Weil es mir in diesem Moment einfacher erschien, ich einen Konflikt vermeiden wollte oder selbst besser dastehen wollte. Kennt ihr das auch?

„Tut mir leid, Süßer, das Eis ist leider ausverkauft!“

„Sorry, ich kann heute doch nicht, habe Magen-Darm.“

„Nee, echt? Mir ist gar nicht aufgefallen, dass du zugenommen hast!“

Aber tun wir uns mit solch faulen Ausreden wirklich einen Gefallen? Ich finde nicht! Und genau deshalb habe ich irgendwann einmal beschlossen, damit aufzuhören. Und das klappt erstaunlich gut und ist soo eine Erleichterung! Denn statt mir überlegen zu müssen, was ich Person x y irgendwann mal erzählt habe und mich dabei in peinlichen Widersprüchen zu verstricken, bleibe ich einfach bei der Wahrheit. Auch wenn das zugegebenermaßen manchmal ungemütlich ist.

„Nein, heute will ich dir kein Eis kaufen.“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe keine Lust, ins Kino zu gehen. Ich würde lieber zu Hause bleiben und lesen.“

„Stimmt, du hast etwas zugenommen. Stört es dich denn?“

Ihr glaubt gar nicht, wie viel einfacher mein Leben dadurch geworden ist! Für mich ist das ein Stück Minimalismus im Kopf, denn ich muss mir viel weniger merken.

Abgesehen davon fühlt es sich für mich einfach besser an, insbesondere meinen Kindern gegenüber. Denn sie verstehen immer mehr von dem, über was wir Erwachsenen uns unterhalten und machen sich so ihr eigenes Bild von der Welt. Und in dieses Bild gehören meiner Meinung nach weder faule Ausreden noch einen Osterhasen und vor allem keine Mama, die dem Papa dieses und der Freundin dann etwas ganz anderes erzählt.

Oder wie handhabt ihr das so?

 

Paulis neues Universum: die Kita

Hallo ihr Lieben! Ich hoffe, es geht euch gut und ihr genießt den Frühling?

Hier auf dem Blog war in den letzten Wochen nicht viel los. Der Grund dafür ist, dass ich gerade damit zu tun habe, Paulis kleines Universum zu erweitern. Also, das echte. Seit Anfang März geht er nämlich in die Kita.

Und zwar in eine ganz „normale“. Und weil ich das so oft gefragt wurde, möchte ich euch erklären, warum es überhaupt kein Problem ist, dass Kinder mit und ohne Behinderung in dieselbe Kita gehen. Denn alle Menschen haben das Recht auf Inklusion. Dieses Menschenrecht ist in der UN-Behindertenrechtskonvention festgelegt und bedeutet, dass jeder Mensch überall dazugehören darf. Eine Gesellschaft, die sich wie die unsere zur Inklusion verpflichtet hat, muss dafür sorgen, dass niemand benachteiligt oder ausgegrenzt wird. Jeder darf so, wie er ist, am ganz „normalen“ Leben teilnehmen.

Inklusion ist ein Menschenrecht

Und das schließt natürlich auch den Besuch von Kindertagesstätten, Schulen oder Vereinen ein. Und wenn das nicht so ohne Weiteres möglich ist? Nun, dann müssen sich die jeweiligen Institutionen eben überlegen, wie sie einem Kind die Hilfe gewährleisten können, die es braucht. Sie müssen sich anpassen, nicht etwa die Kinder. Und das ist ein gewaltiger Unterschied zum Ansatz der Integration, den man früher verfolgte. Damals wurde versucht, Menschen mit einer Behinderung so zu trainieren, dass sie möglichst reibungslos in der Mehrheitsgesellschaft mitlaufen konnten. Also am besten nicht groß auffielen mit ihren Besonderheiten. In einer inklusiven Gesellschaft hingegen ist es normal, besonders zu sein.

Wenn ihr mehr über Inklusion wissen wollt, lest doch mal hier nach, was die Aktion Mensch dazu auf ihrer Website schreibt.

Aber wie soll das gehen, dass jeder überall dabei sein darf? Ist das überhaupt realistisch?

Zugegeben, Inklusion ist nicht einfach so zu haben. Um sie zu verwirklichen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Das kostet Zeit und vor allem guten Willen. Leider sind beide Voraussetzungen nicht immer und überall gegeben. Eine Freundin, die Lehrerin ist, berichtete mir, dass in ihrer Klasse 5 von 30 Kindern „Inklusionsbedarf“ haben, wie es so heißt. Meine Freundin muss sich also nicht nur überlegen, wie sie 30 zappeligen Grundschülern Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt (als wäre das nicht Herausforderung genug!), sondern darüber hinaus noch, wie sie ihren Inklusionsschülern gerecht wird. Denn die sollen und wollen natürlich auch lesen, schreiben und rechnen lernen. Nur brauchen sie dafür in der Regel mehr Zeit und Unterstützung als andere Kinder. Ohne zusätzliches und speziell geschultes Personal ist das eigentlich nicht zu schaffen. Ob meine Freundin diese Unterstützung bekommt? Pustekuchen!

Bei den Kleinen klappt es schon ganz gut

Im frühkindlichen Bereich ist man da schon weiter. Das trifft auch auf unsere Kita zu, in der von der Leitung bis zu den Erzieherinnen alle total aufgeschlossen sind. Von der ersten Kontaktaufnahme an fühlte ich mich gut aufgehoben. Ein Kind mit Down-Syndrom? Kein Problem, hatten wir schon, wir freuen uns auf Paul!

Und so haben wir uns dann doch dazu entschieden, unser „besonderes“ Kind genauso früh in eine Kita zu geben wie seinen großen Bruder damals, mit einem knappen Jahr. Denn wir glauben, dass keine Frühfördermaßnahme ein Kind so motivieren kann, wie das andere Kinder tun.

Und bisher läuft auch alles prima. Paul ist zwar noch nicht mobil und beobachtet das allgemeine Gewusel daher im Liegen, aber das scheint ihn nicht zu stören. Wenn ich ihn abhole, ist er bestens gelaunt und strahlt mich an. Seit kurzem klatscht er auch in die Hände, was er sich bei den anderen Kindern abgeschaut haben muss. Eine Erzieherin erzählte mir, dass die sich ganz rührend um ihn kümmern und ihm die Spielsachen bringen, wenn er das nicht selbst schafft. Er ist jetzt halt ihr „Baby“, obwohl er in Wirklichkeit ja gar nicht so viel jünger ist als die anderen. Auf jeden Fall nehmen ihn die Kinder einfach so, wie er ist und haben ihn gern.

Und was seine „besonderen Bedürfnisse“ betrifft? Nun, in ein paar Wochen wird es einen sogenannten „runden Tisch“ geben. Daran werden neben uns Eltern auch die Kita-Leitung, die Erzieherinnen und Pauls Frühförder-Therapeuten teilnehmen. Gemeinsam werden wir überlegen, inwieweit Paul extra Unterstützung braucht.  Höchstwahrscheinlich bekommt die Kita dann ein Budget, über das sie frei verfügen kann. Zum Beispiel, indem sie eine weitere Fachkraft einstellt.

Ansonsten kommt einmal pro Woche eine Physiotherapeutin in die Kita und übt mit Paul. Momentan geht es dabei vor allem darum, dass er sich selbstständig hinsetzen soll, denn das schafft er noch nicht. Auch hier zeigte sich die Kita sehr aufgeschlossen und flexibel. Die Übungen finden im Gruppenraum statt und die anderen Kinder dürfen zuschauen. So bleibt Paul mitten im Geschehen und die Erzieherinnen können sich darüber hinaus die eine oder andere Übung abschauen.

Bisher klappt es also ganz wunderbar mit der Inklusion. Ich bin glücklich, dass sich Pauls kleine Welt nun langsam vergrößert und er seine ersten Freundschaften schließt. Natürlich bin ich gespannt, wie das wird, wenn er irgendwann mal in die Schule kommt und es nicht mehr nur ums Spielen, sondern auch um Leistung geht. Vielleicht treffen wir dann auch mal auf Widerstand, wenn wir unseren Sohn weiter in eine „normale“ Einrichtung schicken wollen. Aber was nützt es, sich da schon heute den Kopf zu zerbrechen? Meine Hoffnung ist einfach, dass Inklusion bis dahin in allen Lebensbereichen ganz selbstverständlich ist.

Holland rockt! Heute ist Welt-Down-Syndrom-Tag!

Wusstet ihr, dass heute Welt-Down-Syndrom-Tag ist?

Mir war bis vor einem Jahr überhaupt nicht bewusst, dass es diesen Tag gibt. Mein Freund machte mich darauf aufmerksam, als ich damals, kurz nach Pauls Geburt, noch in der Klinik war. Bis dahin war das Thema „Down-Syndrom“ für uns beide nicht relevant gewesen. Plötzlich aber war es das, denn neben uns in einem kleinen Bettchen lag nun  Paul, unser zuckersüßes Baby mit Down-Syndrom.

Damals wussten wir noch nicht, was durch dieses eine Chromosom zu viel in jeder Körperzelle auf uns zukommen würde und waren verunsichert. Heute, ein Jahr später, spielt das Down-Syndrom in unserem Alltag keine besonders große Rolle mehr. Paul ist eben so, wie er ist, ein lustiger und liebenswerter kleiner Kerl, der sich für alles etwas mehr Zeit lässt als sein großer Bruder.

In einem Buch, das mir meine Hebamme nach der Geburt damals mitbrachte, habe ich zum ersten Mal die wunderschöne Geschichte „Willkommen in Holland“ von Emiliy Pearl Kingsley gelesen, die selbst Mutter eines Sohnes mit Down-Syndrom ist. Sie hat mich gleichzeitig zu Tränen gerührt und getröstet. Deshalb möchte ich sie auch euch nicht vorenthalten. Außerdem ist das Motto zum diesjährigen Welt-Down-Syndrom-Tag „Holland rockt“  und um das zu verstehen, muss man die Geschichte kennen. Hier ist sie also:

„Willkommen in Holland“

 von Emily Pearl Kingsley

Ich werde oft gefragt zu erklären, wie man sich fühlt, ein Kind aufzuziehen, das eine Behinderung hat. Um Leuten das Gefühl dieser einzigartigen Beziehung zu erklären, benutze ich gerne eine Parabel.

Es ist so:
Wenn man ein Baby bekommt, ist es so, als ob man sich auf eine fantastische Reise begibt — nach Italien. Man kauft eine Menge an Touristenführern und macht wundervolle Pläne. Das Kolosseum, den Michaelangelo, David, die Gondeln in Venedig. Man lernt bestimmt auch ein paar Wörter auf Italienisch. Kurz: Es ist eine sehr schöne Zeit.
Nach einigen Monaten der schönen Vorbereitung ist endlich der große Tag da!!! Du packst deine Koffer!!! Einige Stunden später, das Flugzeug landet. Die Stewardess kommt und sagt „Willkommen in Holland“.
„Holland?“ sagst du. „Was meinen Sie? Ich habe doch einen Urlaub nach Italien gebucht!!! Ich soll doch in Italien sein. Mein ganzes Leben habe ich davon geträumt, nach Italien zu fliegen.“
Aber da war eine Flugplan-Änderung. Der Flieger ist in Holland gelandet und du musst da bleiben. Das Wichtigste ist, dass du nicht in einem dreckigen, seuchenverpesteten Land gelandet bist. Es ist nur anders!
Also, jetzt fängst du wieder an und kaufst neue Touristenführer. Du musst jetzt eine völlig neue Sprache lernen. Und du wirst eine total neue Gruppe von Menschen treffen, die du vielleicht niemals kennen gelernt hättest, wenn die Dinge anders wären.
Es ist nur ein anderer Ort. Es ist langsamer als Italien, vielleicht nicht so viel Glamour. Aber wenn du eine Zeit lang dort bist, merkst du schnell, dass es auch seine Vorteile hat. Du fängst an, um dich zu schauen: Holland hat wunderschöne Windmühlen, Holland hat Tulpen. Holland hat sogar Rembrandt.
Aber jeder, den du kennst, ist zu beschäftigt, die Schönheit Hollands zu erkennen, denn alle sind auf dem Weg nach Italien. Alle erzählen, wie toll es doch in Italien ist und was für eine tolle Zeit der Urlaub doch war. Und – für den Rest deines Lebens wirst du dir sagen, „Ja, das ist der Urlaub, den ich geplant hatte! (Italien) Da wollte ich auch hin!“
Und das Gefühl, verletzt zu sein, einen Traum verloren zu haben, wird nie verschwinden. Denn ein großer Traum ist nicht wahr geworden, ein großer Verlust!
Aber wenn du immer und immer wieder den Verlust deines Italien-Urlaubs beweinst, wirst du niemals die Schönheit Hollands und dessen spezielle Sehenswürdigkeiten sehen, kennen und lieben lernen. Denn Holland ist genauso wie Italien eine Erfahrung für sich und den Betrachter.

Zitiert nach: http://www.down-kind.de/informationen-zu-down-syndrom/erfahrungsberichte/willkommen-in-holland/

#Welt-Down-Syndrom-Tag; #World Down Syndrome Day; #Trisomie 21
Heute ist Welt-Down-Syndrom-Tag!

Ein Jahr geht zu Ende – wofür ich 2016 dankbar bin

Eigentlich hatte ich vor, in meinem letzten Blogpost für dieses Jahr etwas über gute Vorsätze zu schreiben. Zugegegen, das ist nicht sonderlich originell. Außerdem gehöre ich leider zu den Menschen, die ihre Vorsätze im neuen Jahr recht schnell wieder über Bord werfen. Wie gut also, dass mich der Deutschlandfunk heute Morgen auf eine viele bessere Idee gebracht hat!

Hört ihr auch manchmal Deutschlandfunk? Ich sehr oft und gerne, morgens im Bad oder in der Küche beim Gemüseschnippeln. Es ist so unglaublich entspannend, dass es dort keine nervige Werbung gibt! Und die Sendungen sind wirklich interessant. So wie heute Morgen  „Wofür bin ich dankbar im Leben“ aus der Reihe Lebenszeit, die ihr übrigens als Podcast nachhören könnt.

Dankbarkeit macht zufrieden

Dankbarkeit ist ein unglaublich gutes Gefühl, das uns nicht nur zufrieden sein lässt,  sondern, wie ich heute Morgen im Radio erfahren habe, auch unsere Gesundheit verbessern und sogar unsere Lebenserwartung steigern kann. Klar, Gründe zu meckern gibt es immer, aber oft  steigert man sich damit erst so richtig rein in die Negativ-Spirale und kommt dann nur schwer wieder raus. Gründe, dankbar zu sein, gibt es mindestens genauso viele. Oft machen wir uns das nur gar nicht bewusst, weil wir all das Gute, was uns jeden Tag passiert, als selbstverständlich empfinden. Das es das nicht ist, merken wir aber, wenn wir mal einen Blick über unseren Tellerrand hinaus wagen.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich satt und zufrieden in meiner gemütlichen und warmen Wohnung und trinke eine Tasse Tee. Meiner kleinen Familie geht es gut, alle sind gesund und wohlauf. Wir müssen uns keine Sorgen machen über politische Unruhen vor unserer Haustüre und auf diesem Blog darf ich schreiben, was ich will, ohne damit irgend etwas zu riskieren. Als ich gestern im Supermarkt meinen Rucksack samt Geld, Handy und Einkäufen einfach vorm Supermarkt stehen ließ, gab ihn doch tatsächlich ein freundlicher Mensch an der Kasse ab!

Geht es euch ähnlich? Ja, dann ist das doch ein guter Grund, am Sylvesterabend das Jahr Revue passieren zu lassen und eine Liste anzulegen mit all den Dingen, für die ihr dankbar seid. Und vielleicht habt ihr ja sogar Lust, diese Liste hier mit mir in den Kommentaren zu teilen? Dann schaffen wir gemeinsam ganz viel Dankbarkeit und das ist doch ein schöner Ausklang für ein Jahr, oder?

Wofür ich dieses Jahr dankbar bin

Als allererstes fällt mir da die Geburt meines Sohnes Paul ein, der schließlich  Namensgeber für dieses Blog ist. Es ist so schön, dass er nun seit fast zehn Monaten bei uns ist! Mit seiner fröhlichen und liebenswerten Art bringt er mich jeden Tag zum Lachen,  in letzter Zeit besonders durch seine „Küsschen“ und durch seine wild entschlossene Art, nach allem Essbaren zu greifen, auch wenn ihm das noch recht schwer fällt. Dankbar bin ich vor allem auch dafür, dass sein Down-Syndrom bislang keine größeren gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit sich gebracht hat und er sich so gut entwickelt.

Einer der wichtigsten Menschen in Paulis kleinem Universum ist sein großer Bruder. Der hat es dieses Jahr nicht immer leicht gehabt. Er musste sich nicht nur damit arrangieren, die Zuneigung und Aufmerksamkeit seiner Eltern fortan mit jemandem zu teilen, sondern darüber hinaus noch einige Male auf seine Mama verzichten, weil ich mit dem Kleinen für ein paar Nächte in die Kinderklinik musste. Umso dankbarer bin ich dafür, wie toll er mit dieser und generell mit neuen Situationen umgehen kann. Als er mich und Paul zusammen mit seinem Papa eines Morgens aus dem Schlaflabor abholte, meinte er nur ganz cool „die haben den Paul repariert, damit der Paul kein Wildschwein mehr ist (und nicht mehr so schnarcht).“ Auch der neue Kindergarten wurde ruck zuck akzeptiert, weil Benedikt offen und neugierig auf Menschen zugeht. Das macht es uns Eltern oft einfach und dafür bin ich echt dankbar!

Dankbar bin ich auch für all die vielen neuen Menschen, die uns dieses Jahr begleitet haben: Die Therapeuten, die mir immer wieder versichern, dass sich Paul gut macht, wenn ich zwischenzeitlich mal verzweifele, unsere Kinderärztin, die am Abend vor Weihnachten nochmal anrief, um sich zu erkundigen, wie es denn geht und all die anderen freundlichen Ärzte und Schwestern, die wir in den diversen Kinderkliniken kennengelernt haben.

Dankbar bin ich natürlich dafür, dass es dieses Blog gibt, auch wenn ich bislang viel seltener  zum Schreiben komme, als ich es mir wünsche. Aber egal, es ist eine große Bereicherung für mich, hier zu schreiben und ich freue mich jedes Mal riesig, wenn ich sehe, dass ein Beitrag gelesen oder kommentiert wird! Übrigens, hätte mein Freund nicht eines Abends zu mir gesagt „Und warum machst du  es jetzt nicht einfach?“, dann würde ich wohl noch immer vom Bloggen träumen, statt es einfach zu tun. Danke also auch dafür 😉

Ach ja, fast hätte ich es vergessen, aber ich bin soo dankbar für mein Elektro-Fahrrad, was mir meinen Alltag mit zwei Kindern in einer hügeligen Stadt wie Stuttgart enorm erleichtert. Und, wofür seid ihr also dankbar?

Ich wünsche euch ein glückliches, wundervolles, entspanntes Jahr 2017! Bis bald!

Selbsterkenntnis – warum aufgeben manchmal die beste Option ist

Als ich 20 war, hatte ich hehre Ziele für mein Leben. Wollte als Volunteer in Ecuador Straßenkindern bessere Bildungschancen ermöglichen. Und später als Journalistin darüber berichten, was alles schief läuft auf der Welt.

Nach sechs Monaten an einer indigenen Schule erkannte ich frustriert, wie wenig mein kleiner Beitrag bewirken konnte. Und musste mir eingestehen, dass ich mehr Lust hatte, durch den Dschungel zu wandern, als darauf, Straßenkindern das Lesen beizubringen.

Vorübergehend beschränkte ich meine Versuche, die Welt zu verändern, darauf, im Weltladen einzukaufen und gelegentlich an einer Demo teilzunehmen. Die Einsicht, dass ich wohl eher für ein stinknormales Studentenleben gemacht war als für eine Laufbahn als Entwicklungshelferin, war schmerzhaft, aber wichtig.

Auch von mir als Mutter hatte ich ein bestimmtes Bild im Kopf, das ich nun immer wieder zurechtrücken muss. Gelassen und konsequent wollte ich sein und mein bisheriges Leben mit Arbeit, Reisen, Yoga und Tanzen weiterführen wie bisher.

Jeden Tag aufs Neue merke ich aber, wie begrenzt meine Energiereserven sind. Viele Ideen, die mir zunächst großartig erscheinen, funktionieren im Alltag dann doch nicht. Wie das Wickeln mit Stoffwindeln, das wir nach einem Jahr wieder aufgegeben haben, oder die Tangoabende mit Kind. Andere schaffen das, aber wir finden es zu anstrengend.

Das Gute daran ist, dass ich durch das regelmäßige Aufgeben von Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, viel lerne. Zum Beispiel, dass es nicht den einen, richtigen Weg gibt. Oder dass auch Altbewährtes manchmal nicht mehr ins eigene Leben passt und es an der Zeit ist, etwas Neues auszuprobieren.

Hier im Blog habe ich schon berichtet, warum ich es nicht schlimm finde, als Mutter nicht perfekt zu sein. Ich glaube, wir sind das beste Vorbild für unsere Kinder, wenn wir uns eingestehen können, Fehler zu machen. Wenn wir ihnen vorleben, dass es manchmal notwendig ist, einen Kurswechsel einzuschlagen. Denn nichts ist in Stein gemeißelt und alles ändert sich ständig.

Heute will ich euch von einigen dieser Kurswechsel erzählen. Und bin gespannt, ob es euch manchmal ähnlich geht.

Kurswechsel 1: Ich arbeite als Mutter anders als ohne Kinder

Sich um kleine Kinder zu kümmern ist harte Arbeit! Trotzdem wollen und müssen die meisten Eltern neben dieser Familienarbeit auch einer Erwerbsarbeit nachgehen. Und das ist auch möglich. Ich habe nach meiner ersten Elternzeit wieder nahezu Vollzeit gearbeitet. Die allermeisten Väter tun das sowieso. Wer wie wir das Glück hat, relativ geregelte Büro-Arbeitszeiten zu haben und über gute Betreungsmöglichkeiten verfügt, kann den Spagat zwischen Familie und Arbeitsleben schon hinkriegen.

Die Frage ist nur, ob man es will. Denn das Leben von berufstätigen Eltern ist extrem durchgetaktet. Spontane Kneipenbesuche mit Kollegen oder Yogastunden nach Feierabend sind eher nicht mehr drin. Alles muss geplant und mit dem Partner abgesprochen werden. Und wehe, die Kita streikt oder die Hand-Fuß-Mund-Krankheit geht um. Dann sind die zehn Kinderkrankentage, die man als Angesteller pro Jahr hat, ruck zuck aufgebraucht.

Abgesehen davon geht es nach einem anstrengenden Tag im Büro zu Hause nahtlos weiter mit Vorlesen, Trösten, Windelnwechseln. Und zwischendurch muss man auch mal zum Supermarkt oder die Waschmaschine anwerfen. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber wir sind durch dieses ständig andauernde Gefragtsein ziemlich anfällig für Infekte geworden. Und müssen uns häufiger krank melden als früher. Arbeitgeber finden das nicht so toll. Ebenso wenig mögen sie es, wenn man am Nachmittag alles stehen und liegen lässt, weil man sein Kind aus der Kita holen will.

Das ist mir recht schnell zu nervenaufreibend geworden. Und so bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sich etwas ändern muss. Natürlich will ich arbeiten, denn das macht mir Spaß und irgendwie muss schließlich auch Geld reinkommen. Aber ich will selbst entscheiden, wann, wo und wie viel ich arbeite. Wie das konkret aussehen wird, weiß ich noch nicht und es kann sein, dass damit finanzielle Einbußen verbunden sind.

Kurswechsel 2: Ich akzeptiere, vorübergehend abhängig zu sein

Dieses Thema hat viel mit dem vorherigen zu tun. Wer sich dafür entscheidet, eine Weile oder dauerhaft aus dem Berufsleben auszusteigen oder weniger zu arbeiten, wird abhängig. Vom Partner, den Eltern, staatlichen Transferleistungen.

Die einzig gute Lösung wäre in meinen Augen ein bedingungsloses Grundeinkommen.  Das würde jedem Menschen ermöglichen, frei zu entscheiden, in welchem Umfang er einer Erwerbsarbeit nachgehen, Familienarbeit leisten oder sich in einer anderen Form für die Allgemeinheit engagieren will. So lange es dieses Grundeinkommen nicht gibt, muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er am besten für sich und seine Lieben sorgen kann. Das kann auch bedeuten, vorübergehend abhängig von anderen zu sein.

Kurswechsel 3: Wir sind keine Familie aus dem Bilderbuch

Immer wieder falle ich darauf rein. Zuletzt gestern Abend, beim Martinsumzug im Kindergarten. Es gibt sie nicht, die harmonische Familienidylle aus dem Bilderbuch. Wann höre ich endlich auf, enttäuscht zu sein, wenn alles ganz anders läuft als in meiner Wunschvorstellung? Wenn mein Zweijähriger nicht andächtig das Licht der Laternen  bewundert, sondern schreit, er wolle seine Brezel mit niemandem teilen. Wenn das Baby das liebevoll zubereitete Fingerfood verschmäht und lieber mit dem Löffel gefüttert werden will. Oder wenn der Familienausflug am Wochenende in Zank und Geschrei auf allen Seiten endet.

Vielleicht sollte ich es einfach aufgeben, von einer Bilderbuchfamilie zu träumen. Von uns allen weniger erwarten und akzeptieren, dass miese Stimmung am Esstisch, vergammelte Sonntage und dergleichen bei uns nun mal dazugehören. Denn Kinder sind wie wir Persönlichkeiten und haben ihre eigenen Wünsche, Ziele und Vorstellungen davon, wie die Dinge zu sein haben. Oder wie seht ihr das?