Filmtipp: Ich. Du. Inklusion

Vor kurzem habe ich hier im Blog darüber berichtet, wie gut das bei uns in der Kita mit der Inklusion läuft. Letzte Woche erst haben wir uns zu einem so genannten „Runden Tisch“  zusammengesetzt und gemeinsam mit Pauls Erzieherin, seiner Physiotherapeutin, der Kita-Leitung und Vertretern des Stuttgarter Sozial- und Gesundheitsamtes überlegt, welche Unterstützung Paul zusätzlich braucht, um in der Kita optimal gefördert zu werden. Gemeinsam sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das am besten mit eine weiteren pädagogischen Kraft klappen würde. Die könnte sich nämlich gezielt um Paul kümmern und dadurch die Erzieherinnen entlasten. Denn obwohl mein Sohn ein sonniges Gemüt hat und daher relativ pflegeleicht ist, braucht er mehr Hilfe als andere Kinder in seinem Alter. Er sitzt noch nicht selbstständig, kann nicht alleine essen und ist auch noch nicht mobil.

Für mich war es daher schön, zu erleben, wie bei diesem Runden Tisch alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben. Weil für sie Inklusion kein hohles Versprechen ist,  sondern gelebter Alltag. Deshalb darf mein Kind in eine ganz „normale“ Krippe gehen. Selbst wenn das Budget, über das die Kita nun zusätzlich verfügen kann, knapp bemessen ist (es sind circa 500 Euro), zeigt allein die Tatsache, dass es ein solches Budget gibt, dass in den Köpfen der Verantwortlichen irgendwie angekommen ist, dass Inklusion wichtig ist. Unsere Kita-Leitung brachte es auf den Punkt: Kinder, die von klein auf erleben, dass es normal ist, anders zu sein, haben auch später im Leben kein Problem damit.

Ernüchterung im Kino

Umso ernüchterter war ich dann am Wochenende, als ich mir den Film Ich.Du.Inklusion von Thomas Binn angeschaut habe. Denn diese Langzeitdoku, die in Zusammenarbeit mit dem Lehrer-Verband Bildung und Erziehung e.V. entstanden ist, wirft einen anderen, eher skeptischen Blick auf das Thema „Inklusion“. Der Regisseur hat über mehrere Jahre eine inklusive Grundschulklasse in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Uedem begleitet. Die katholische Schule, zu der diese Klase gehört, nimmt bereits seit 1996 Kinder mit Behinderung auf und ist somit ein „alter Hase“, was Inklusion betrifft. Trotzdem wird im Film deutlich, was für eine unglaubliche, kaum zu bewältigende Herausforderung es für Lehrer ist, Kindern mit derart unterschiedlichen Voraussetzungen auch nur annähernd gerecht zu werden.

Helga Heß, die Klassenlehrerin, bringt es auf den Punkt:

„Man muss sich eigentlich multiplizieren. Unter diesen Rahmenbedingungen gelingt es nicht, den Kindern gerecht zu werden. Auch wenn man sich sehr anstrengt, kann man so keine gute Lehrerin mehr sein.“

Die Rahmenbedingungen stimmen nicht

Was meint Frau Heß mit „diesen Rahmenbedingungen“ ? In ihrer Klasse sind circa 25 Schüler. Ich schätze, dass davon ein Drittel Inklusionsbedarf hat, also zusätzliche Unterstützung benötigt, um am Unterrricht teilzunehmen. Aufgrund einer Behinderung, Lernschwäche oder auch auffälligem Sozialverhalten. Im Film werden nur einige dieser Kinder näher vorgestellt. Als Zuschauer erfährt man aber nicht, aus welchem Grund sie konkret mehr Unterstützung brauchen.

Und wie sieht diese Unterstützung aus? Nun, zum einen haben manche der betroffenen Kinder eine sogenannte „Integrationshilfe“, die ihnen an ein paar Tagen pro Woche über die Schulter schaut. Wohlgemerkt, an einigen Tagen, nicht an allen! Dafür reicht das Budget nicht aus. Zusätzlich wird die Klassenlehrerin durch eine Sonderschulpädagogin unterstützt, aber auch das nicht jeden Tag. Denn die Sonderschulpädagogin ist nicht nur für diese, sondern für mehrere Schulen gleichzeitig  zuständig. Ihre Pause verbringt sie im Auto. Und wenn sie nicht da ist, ist die Klassenlehrerin völlig auf sich gestellt. Ohne in ihrem Studium jemals gelernt zu haben, wie man mit Kindern umgeht, die „besondere Bedürfnisse“ haben, wie es immer so schön heißt. Wie das funktionieren soll? Ihr ahnt es, das tut es eben nicht so wie gewünscht. Und so kommt es, dass selbst eine so  engagierte und erfahrene Lehrerin wie Frau Heß mittlerweile Zweifel hegt, ob das wirklich klappen kann mit der Inklusion.

Aber bedeutet das nun  im Umkehrschluss, dass man das Ziel der Inklusion aufgeben muss, weil sie sowieso nicht funktioniert? Tut man den Kindern, mit und ohne Handycap, damit vielleicht sogar unrecht?

Bei der Diskussion, die im Anschluss an den Film stattfand, konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass diese Einstellung weit verbreitet ist. Im Publikum saßen außer uns drei „Down-Syndrom-Mamis“ allerdings ausschließlich Lehrer, die bei ihrer täglichen Arbeit das ausbaden müssen, was die Politik bislang verschlafen hat: nämlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, die Inklusion erst möglich machen.

Wie die aussehen? Nun, ich hätte da ein paar Ideen:

  • zwei Lehrkräfte für jede Klasse, davon eine mit sonderpädagogischem Hintergrund
  • eine Integrationshilfe für jedes Kind mit Förderbedarf, und zwar immer
  • Inklusion als verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums

Dass das alles nicht umsonst zu haben ist, ist klar. Aber Inklusion ist ein Menschenrecht, auch wenn einige das anders sehen mögen. Und die Bundesrepublik hat sich dazu verpflichtet, dieses Menschenrecht umzusetzen. Viel zu lange hat sie aber nichts unternommen und das Thema verdrängt. Nun fehlen die notwendigen Strukturen. Das ist ärgerlich für die betroffenen Lehrer, die nun ausbaden müssen, was die Politik versäumt hat. Noch viel ärgerlicher aber ist es für die Kinder – mit und ohne Handycap – denen echte Lebenschancen genommen werden!