Eigentlich ganz normal! Leben mit einem behinderten Kind

Immer wieder fragen mich Leute, wie es denn so ist, das Leben mit einem behinderten Kind. Gerade gestern war ich wieder mal in dieser Situation. Meistens sind die Fragenden dabei auch aufrichtig interessiert und dem Thema „Behinderung“ gegenüber offen eingestellt. Noch nie habe ich Gott sei Dank den Satz gehört „also, ich könnte das nicht!“

Dennoch sehe ich immer eine Spur von Überraschung in den Gesichtern, wenn ich antworte: Also, eigentlich ist es ganz normal.“ Fast schon fühle ich mich dann verpflichtet, weiter auszuholen und füge noch etwas hinzu wie: „Man braucht natürlich mehr Geduld als mit anderen Kindern“ oder auch „die Frühförderung ist schon aufwändig.“

Dann beobachte ich regelmäßig, wie sich Verständnis im Gesicht meines Gegenübers ausbreitet und auch so etwas wie Erleichterung. Die Vorstellung, das Leben mit einem behinderten Kind könne tatsächlich einfach nur normal sein, passt einfach nicht in die Wahrnehmung der meisten Menschen.

Das, was wir leben, wird irgendwann normal

Dabei empfinde ich unser Leben tatsächlich als ganz normal. Klar gibt es da Routinen, die viele vielleicht eher als außergewöhnlich empfinden würden. So habe ich im ersten Jahr mit Paul eben keine PEKIP-Kurse besucht und war auch nicht beim Babyschwimmen. Stattdessen hatten wir zweimal pro Woche einen Termin bei der Frühförderung. Mittlerweile haben wir den Großteil der Therapien allerdings in die Kita „ausgelagert“ und lassen uns per Telefon und Video über den Stand der Dinge informieren. Das ist sicher nicht der Königsweg für alle Familien, für uns aber passt es so.

Auch nicht ganz „normal“ sind vielleicht unsere regelmäßigen Besuche im Kinderkrankenhaus. Wir haben jedoch das große Glück, dass Paul kerngesund auf die Welt gekommen ist, nur eben mit einem Chromosom mehr. Daran hat sich bis heute auch glücklicherweise nichts geändert. Andere Familien tragen da ein sehr viel schwereres Paket als wir. Das ist mir durchaus bewusst. Nicht nur die mit einem behinderten Kind übrigens.

Kontrolle ist besser

Trotzdem werden Kinder mit Trisomie 21 tendenziell engmaschiger kontrolliert als andere. Kinderärzte sind schneller alarmiert, wenn sie irgendwelche Anzeichen für Entzündungen oder andere Abweichungen sehen. So haben wir in Pauls erstem Lebensjahr viele Tage in der Kinderklinik verbracht, nur um jedes Mal aufs Neue auszuschließen, dass es sich bei dem Husten vielleicht um eine Lungenentzündung handeln könnte oder beim Schnarchen um eine gefährliche Schlafapnoe.

Apropos Schnarchen, das ist tatsächlich ein Punkt, der uns immer wieder beschäftigt und das wohl noch eine Weile tun wird. Wie viele Kinder mit Trisomie 21 hat Paul verengte Atemwege und schläft mit offenem Mund. Das ist auf Dauer nicht gut und muss daher beobachtet werden, weshalb wir einmal im Jahr eine Nacht im Schlaflabor verbringen. Mir graut jedes Mal vor diesem Termin, weil ich die Atmosphäre in Krankenhäusern so bedrückend finde und das lange Warten auf die Ärzte mich jedes Mal in den Wahnsinn treibt.

Letzte Woche war es dann wieder so weit und wie immer haben wir die 24 Stunden irgendwie hinter uns gebracht. Schön war es dieses Mal für mich, zu beobachten, wie charmant Paul sämtliche Ärzte und Schwestern um den Finger wickelt. Da bedient er auch gerne mal das Klischee des kleinen Sonnenscheines. Mich wiederum erden diese Klinikaufenthalte jedes Mal ein bisschen, denn mir wird klar, wie gut wir es eigentlich haben. Keines meiner Kinder ist als Frühchen auf die Welt gekommen, keines musste je operiert werden und unsere Aufenthalte im Krankenhaus beschränkten sich bislang auf Kontrollen.

Die Garantie, dass das so bleibt, haben wir natürlich nicht. Genauso wenig wie jede andere Familie, ganz egal ob ein Kind nun eine Behinderung hat oder nicht. Denn das Leben ist nun mal unberechenbar. Zu gut erinnere ich mich an ein zehnjähriges Mädchen, mit dem Paul und ich uns einmal ein Zimmer teilten. Es war schon viermal am Herzen operiert worden. Und mit jeder OP hatte es nur einen weiteren „Aufschub“ von 3-4 Jahren bekommen. Die Lebensfreude der Kleinen schienen diese trüben Aussichten nicht zu beeinträchtigen, wir hatten viel Spaß zusammen in diesen drei Tagen.

Ganz egal, was das Leben an Überraschungen für uns bereithält, es ist immer und in jedem Fall wertvoll und lebenswert! Und es liegt ganz allein an uns, ob wir an Herausforderungen wachsen oder zerbrechen. Ratet mal, wofür ich mich entschieden habe?

Downie und zurückgeblieben? Wie sprechen wir von Menschen mit Behinderung?

Heute Morgen habe ich Radio gehört und mich geärgert. Der Sprecher, der über den Amoklauf in Japan berichtete, bei dem 19 Menschen getötet wurden, sprach von „geistig Zurückgebliebenen“. Bitte was?

Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie schrecklich diese Tat ist und wie viel Angst sie mir als Mutter eines behinderten Kindes macht. Das ist sowieso klar. Was mich aber zusätzlich ärgert, ist die Bezeichnung „geistig Zurückgebliebene“. Tatsache ist, dass es sich bei den getöteten Menschen um die Einwohner eines Behindertenheimes handelte. Um Menschen also, die mit einer genetischen oder einer erworbenen Behinderung  leben. „Zurückgeblieben“ bedeutet aber etwas völlig anderes und ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens schlicht falsch. Denn die Betroffenen hatten entweder von Beginn an andere Voraussetzungen im Leben als die meisten von uns oder ein Unfall oder eine Krankheit haben dazu geführt, dass sie mit einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung leben müssen.

Bin ich überempfindlich?

Vielleicht. Auch, weil ich als Mutter natürlich selbst betroffen bin. Trotzdem finde ich es wichtig, beim Sprechen über andere darauf zu achten, was man eigentlich ausdrückt. Wenn ich „Behinderter“ sage, ist das zwar nicht so respektlos wie „Zurückgebliebener“ oder auch „Downie“, aber ich reduziere dadurch einen Menschen auf eine einzige seiner Eigenschaften,  nämlich seine Behinderung. Dass dieser Mensch außerdem vielleicht noch Musiker, farbenblind, Vegetarier oder Judoka ist, scheint gar nicht von Belang zu sein. Und das finde ich schade!

Deshalb wünsche ich mir, dass wir alle mehr darauf achten, wie wir über andere sprechen. Dafür muss man bereit sein, sich diese anderen genau anzuschauen. Dann erkennt man nämlich schnell, dass sie genauso vielschichtig sind wie wir selbst und es genau wie wir verdienen, mit Respekt behandelt zu werden.

„Und wir wünschen euch ganz viel Kraft“ – von Glückwünschen, die keine sind

Gerade bin ich dabei, zu überlegen, wie die Dankeskarten für unsere Freunde und Verwandten aussehen sollen, die uns zu Pauls Geburt gratuliert und beschenkt haben. Zugegeben, seitdem sind fast vier Monate vergangen, ich bin also ganz schön spät dran. Aber es gab wichtigere Dinge zu tun. Zuerst einmal mussten wir uns als Familie neu sortieren und mit den neuen Aufgaben und Herausforderungen klarkommen, die Pauls Behinderung so mit sich bringt.

Ist ein Kind mit Behinderung denn kein Grund, sich zu freuen?

Aber das ist ein anderes Thema. Eigentlich wollte ich ja davon erzählen, wie viele liebe Glückwünsche wir zur Geburt unseres Sohnes bekommen haben. Von Freunden, Verwandten und Kollegen, die sich mit uns gefreut haben über Paul, so wie er ist. Und bei all denen möchte ich mich bedanken. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Ist es aber offenbar nicht, wenn man ein Baby mit Behinderung bekommt. Das berichten jedenfalls manche Eltern, deren soziales Umfeld  nicht so positiv reagiert hat und denen man teilweise noch nicht einmal zur Geburt gratuliert hat. Was für eine bodenlose Frechheit!

Natürlich haben auch wir manchmal eine gewisse Beklemmung gespürt. Die äußerste sich zum Beispiel in Sätzen wie „Wir wünschen euch ganz viel Kraft in dieser schwierigen Zeit.“ Sicher sind solche Aussagen gut gemeint, aber für mich schwingt in ihnen immer auch mit „anders wäre es  besser gewesen“. Aber das ist schlicht und ergreifend falsch! Auch wir hatten zwar mit einem nicht-behinderten Kind gerechnet und die vielen medizinischen Checks, die bereits notwendig waren, hätten wir Paul gerne erspart. Aber wir finden unser Baby so wie es ist, wunderschön und perfekt. Und um nichts in der Welt würden wir es gegen ein anderes eintauschen.

Elternsein ist immer auch schwierig

Und mal ehrlich, ganz viel Kraft brauchen doch alle Eltern, ganz egal, ob das Kind nun behindert ist oder nicht. Ein Schreibaby kann einem den letzten Nerv rauben und auch nicht behinderte Kinder können später schwer erkranken. Das ist nun mal das Risiko des Lebens und wer davor Angst hat, sollte vielleicht besser keine Kinder bekommen.

Ich glaube, ein Grund für die Beklemmung mancher Menschen ist, dass sie einfach nur sehr wenig über Trisomie 21  wissen und alte Bilder im Kopf haben. Von dicken Brillen, unmodischen Frisuren und behinderten Menschen, die nicht richtig sprechen können. Zugegeben, auch ich hatte diese Bilder zunächst im Kopf . Umso dankbarer bin ich, dass wir von Anfang an so viel Unterstützung und Informationen zum Down-Syndrom bekommen haben. Von der Kinderärztin, der Frühförderstelle und von unserer großartigen Hebamme, die uns  in der Anfangszeit tatkräftig unterstützt hat und uns immer wieder Mut gemacht hat, wenn der uns zwischenzeitlich mal verließ.

Babys mit Down-Syndrom sind auch süß!

Ganz besonders geholfen haben mir damals die  beiden Bildbände der Fotografin Conny Wenk  „Außergewöhnlich“, deren Tochter selbst das Down-Syndrom hat. Die Bilder der Kinder sind einfach zu süß und die Familien wirken trotz aller Schwierigkeiten glücklich. Nachdem ich die beiden Bücher von vorne bis hinten durchgelesen hatte, beschloss ich, dass auch wir unbedingt so schöne Bilder von Paul brauchen. Schließlich hatten wir ja auch beim Großen ein Neugeborenen-Shooting gemacht. Und da lag es nahe, wieder dieselbe Fotografin zu fragen, nämlich Erika Martins, deren wunderschöne Bilder ihr auch teilweise hier im Blog findet. Und die ich natürlich auch für meine Dankeskarten verwenden werde. So schließt sich der Kreis und ich wünsche allen Eltern, die ein Kind mit Behinderung bekommen, genauso viel Unterstützung und positive Resonanz, wie wir sie erlebt haben.