Tiefenentspannt im Kinderchaos – geht das?

Als ich Anfang des Jahres eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin bei Taohealth absolviert habe, glaubte ich noch, den Dreh endlich raus zu haben. 14 Tage lang hatte ich intensiv Yoga Nidra, Progressive Muskelentspannung und autogenes Training geübt und selbst angeleitet, hatte nach Osho zu schriller 80er-Jahre-Musik meditiert und mich in Achtsamkeit geübt. Stress? Ein hausgemachtes Problem, das mich (scheinbar) nicht mehr betraf. Tiefenentspannt blickte ich den letzten Wochen meiner Schwangerschaft entgegen und machte jede Menge Pläne: Jeden Morgen eine Stunde früher aufstehen und erst mal 12 Sonnengrüße machen zum Beispiel. Täglich meditieren. Endlich bloggen. Nie wieder Kaffee trinken. Brot nur noch selbst backen….

Vier Monate später kann ich mich nur noch wundern, wie ich damals wohl auf die Idee mit dem Kaffee kam 😉

Voller Bewunderung lese ich, wie Menschen von ihrer perfekten Morgenroutine erzählen, bei der sie sich ganz bewusst Zeit für sich selbst und die Dinge, die ihnen wichtig sind, nehmen. Schreiben, Yoga, Meditation. Magical Morning nennen einige diese Routine auch und nehmen dafür in Kauf, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen. Gut, letzteres mache ich seit zwei Jahren auch. Nur statt Sonnengrüßen oder mentalem Training steht dann in der Regel etwas anderes an: „Mama, Pollidge machen! Mama, aufsteeeehen! Mama, niiicht Wickeltisch!“

Der letzte Satz unseres Zweijährigen wird allerdings meist gnadenlos ignoriert, was zur Folge hat, dass mein Freund oder ich im Halbschlaf ein wütendes und wild um sich schlagendes Kind ins Bad tragen. Wenn dann circa zwei Stunden später beide Kinder gewickelt und angezogen, Karies und Baktus erlegt und ich gefühlt 100 mal „Oh Tannenbaum“ (auch im Sommer der unangefochtene Nummer-eins-Hit beim Zähneputzen!) bin ich so erledigt, dass mir der Sinn irgendwie nicht mehr nach Meditation steht.

Abends ist es leider nicht viel besser. Nachdem ich dem Zweijährigen eine Stunde von Max und seinem Roller und dessen unzähligen Abenteuern erzählt habe, mit dem Baby inhaliert und einen Lavendelwickel angelegt habe, bin ich mindestens genauso müde wie der Mini und schaffe es höchstens noch, drei Seiten in einem seichten Buch zu lesen. Gezielte Entspannung? Fehlanzeige!

Aber stopp, mir geht es hier nicht darum, zu jammern, wie anstrengend das Leben mit Kindern ist und auf was man alles verzichten muss. Natürlich weiß ich, dass das vielen anderen nicht anders geht. Außerdem habe ich mir dieses Leben ja selbst ausgesucht. Sehr oft ist es sogar richtig witzig, so wie heute Nachmittag, als mir der Sohnemann einen mit Steinchen gefüllten Nylonstrumpf brachte („Mama, Schokoladeneis“). Dass ich eigentlich gerade dabei war, Yoga zu üben, der Nylonstrumpf frisch gewaschen und gerade Mittagsschlafzeit war, muss ich sicher nicht extra erwähnen 😉

Trotzdem, irgendwas muss sich ändern, denn ich mag mich selbst nicht, wenn ich so oft gestresst und abgehetzt bin, keine Lust mehr auf längere Gespräche mit Erwachsenen habe oder nur mit einem Ohr zuhöre, weil ich entweder über die Termine am nächsten Tag nachdenke oder innerlich den „ewigen Einkaufszettel“ aktualisiere, den mein Freund und ich in einem gemeinsamen Google-Kalender verwalten.

Aber wie wieder zur eigenen Mitte finden? Leider habe ich die Antwort auf diese Frage für mich noch nicht gefunden. Was mir aber gerade sehr hilft, ist, meine Ansprüche gewaltig herunterzuschrauben. So versuche ich jetzt, jeden Tag zumindest eine Fünf-Minuten-Mediation irgendwie zwischenzuschieben. Das geht notfalls auch mit einem schnarchenden Baby auf dem Bauch und fühlt sich großartig an.

Und wie schafft ihr es, im Alltag zu entspannen? Ich bin gespannt auf eure Tipps!

Eure Kathinka