Minimalismus in Kopf – wie wir uns mit Notlügen und Schwindeleien das Leben unnötig kompliziert machen

Mein dreijähriger Sohn bringt mich immer wieder in Situationen, die mich mal kurz schlucken lassen. So wie vor ein paar Tagen, als wir draußen vorm Bäckerladen bei Brezel und Kaffee auf einer Mauer saßen. Kaffee für mich und Brezel für die Jungs. Eine für beide wohlgemerkt, denn das Mittagessen lag noch nicht lange zurück.

Da kam eine weitere Familie mit zwei Kindern aus dem Laden, jedes ein süßes Franzbrötchen mampfend. Mein Sohn starrte die beiden an und ich befürchtete schon einen Wutanfall, weil er nun sicher auch so ein Franzbrötchen haben wollte. Aber er meinte nur: „Mama, warum sind die Kinder denn soo dick?“ Er war ehrlich erstaunt, denn dicke Kinder (und diese waren wirklich übergewichtig) kannte er bislang nicht.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Mir war die Situation ehrlich unangenehm, denn sowohl die Kinder als auch ihre Eltern mussten einfach gehört haben, was er gesagt hatte. Andererseits hatte er nur die Wahrheit gesagt, eine ganz offensichtliche noch dazu. Kein Grund also, böse auf ihn zu sein oder gar mit ihm zu schimpfen, wie ich fand.

Wohlwissend, dass die Eltern nun auch meine Antwort hören würden, sagte ich also einfach: „Ich weiß es nicht, mein Schatz. Vielleicht haben sie zu viel gegessen.“

„Bestimmt haben die gaanz viel Eis gegessen“, meinte daraufhin mein Sohn. „Mhmm…“

Nun war diese kleine Szene nicht das erste Mal, dass mich mein Sohn durch seine kindliche Ehrlichkeit in Verlegenheit gebracht hatte. Meine tschechische Freundin, die sehr gut, aber mit Akzent Deutsch spricht,  hatte er gefragt, warum sie denn so komisch sprechen würde. Einen jungen Typen mit Vollbart in der Bahn bezeichnete er als „Opa“.

Klar hätte ich ihm bei jeder dieser Gelegenheiten widersprechen können oder die Situation mit einer Bemerkung wie „aber sie spricht doch ganz toll!“ etwas abmildern können. Ich tat es aber nicht. Weil ich finde, dass man mit der Wahrheit eigentlich nie falsch liegt.

Dabei sind sogenannte „Notlügen“ so allgegenwärtig, dass man ihnen kaum entkommen kann. Und ich muss zugeben, dass auch ich mich schon öfters mal dabei ertappt habe, irgendeinen Mist zu erzählen. Weil es mir in diesem Moment einfacher erschien, ich einen Konflikt vermeiden wollte oder selbst besser dastehen wollte. Kennt ihr das auch?

„Tut mir leid, Süßer, das Eis ist leider ausverkauft!“

„Sorry, ich kann heute doch nicht, habe Magen-Darm.“

„Nee, echt? Mir ist gar nicht aufgefallen, dass du zugenommen hast!“

Aber tun wir uns mit solch faulen Ausreden wirklich einen Gefallen? Ich finde nicht! Und genau deshalb habe ich irgendwann einmal beschlossen, damit aufzuhören. Und das klappt erstaunlich gut und ist soo eine Erleichterung! Denn statt mir überlegen zu müssen, was ich Person x y irgendwann mal erzählt habe und mich dabei in peinlichen Widersprüchen zu verstricken, bleibe ich einfach bei der Wahrheit. Auch wenn das zugegebenermaßen manchmal ungemütlich ist.

„Nein, heute will ich dir kein Eis kaufen.“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe keine Lust, ins Kino zu gehen. Ich würde lieber zu Hause bleiben und lesen.“

„Stimmt, du hast etwas zugenommen. Stört es dich denn?“

Ihr glaubt gar nicht, wie viel einfacher mein Leben dadurch geworden ist! Für mich ist das ein Stück Minimalismus im Kopf, denn ich muss mir viel weniger merken.

Abgesehen davon fühlt es sich für mich einfach besser an, insbesondere meinen Kindern gegenüber. Denn sie verstehen immer mehr von dem, über was wir Erwachsenen uns unterhalten und machen sich so ihr eigenes Bild von der Welt. Und in dieses Bild gehören meiner Meinung nach weder faule Ausreden noch einen Osterhasen und vor allem keine Mama, die dem Papa dieses und der Freundin dann etwas ganz anderes erzählt.

Oder wie handhabt ihr das so?

 

Voll verzuckert! Das Dilemma mit den Süßigkeiten

Wer hier öfters mitliest weiß, dass ich es liebe, Rezepte mit euch zu teilen. Und auch, dass die immer zuckerfrei sind. Weil ich Zucker für eine ziemlich fiese Sache halte und ihn – zumindest zu Hause – komplett aus unserem Familien-Speiseplan gestrichen habe. Obwohl ich Süßkram liebe. Warum ich bei diesem Thema so streng bin, will ich euch heute erklären. Und auch ein kleines Rezept wird es wieder geben. Natürlich zuckerfrei 😉

 

Selbst ein Zuckerjunkie…

Um es gleich mal vorweg zu nehmen. Ich war ein richtiges Toastbrot- und Nutella-Kind. Statt Wasser trank ich viele Jahre lang nur süße Limo und auch sonst gab es bei mir zu Hause keinerlei Einschränkungen, was den Konsum von Zucker oder Süßigkeiten betrifft. Lange Zeit habe ich mir darüber auch keine Gedanken gemacht, denn ich war trotz allem immer sehr schlank und kam gar nicht erst auf die Idee meine diversen gesundheitlichen Probleme (Akne, periorale Dermatitis, Rheuma mit 20, Schlafstörungen etc.) auf meinen Zuckerkonsum zurückzuführen. Das kam erst später, als ich von zu Hause auszog, andere Ernährungsgewohnheiten und -Glaubenssätze kennenlernte und zum ersten Mal selbst dafür verantwortlich war, was auf meinem Teller landete.

Umdenken in der Schwangerschaft

So richtig fiel der Groschen aber erst in meiner zweiten Schwangerschaft, als meine Frauenärztin bei einer Routineuntersuchung eine schwere Schwangerschaftsdiabetes diagnostizierte. Fälschlicherweise, wie sich später herausstellte. Aber die 14 Tage Schockstarre genügten mir, um mich endlich einmal intensiv mit dem Thema „Zucker“ auseinanderzusetzen. Wegweisend war für mich dabei der Film „Voll verzuckert“ , der mir zum ersten Mal die Tragweite unseres extremen Zuckerkonsums vor Augen führte. Schaut ihn euch am besten selbst an, wenn ihr ihn noch nicht kennt, er ist wirklich spannend!

Ich bin nun keine Ernährungswissenschaftlerin, aber ein paar interessante Fakten zum Thema „Zucker“ möchte ich trotzdem gerne mit euch teilen:

  1. Zucker macht süchtig! Zucker hat auf unser Gehirn in etwa die gleich Wirkung wie Kokain. Und wenn man einmal süchtig ist, ist es nahezu unmöglich, ohne Komplettverzicht wieder zu einem „normalen“ Konsum zurückzukehren. Wenn wir Süßigkeiten essen, steigt unser Blutzuckerspiegel rasant an, fällt aber genauso rasant wieder ab. Das liefert uns keine Energie, sondern führt zu einem Teufelskreislauf, denn unser Körper braucht immer wieder Zuckernachschub. Wie das genau funktioniert und welche Alternativen zu Zucker es gibt, könnt ihr zum Beispiel hier nachlesen.
  2. Ein übermüßiger Zuckerkonsum kann auf Dauer schwere Erkrankungen wie , Fettleibigkeit, Diabetes und Fettleber zur Folge haben. Mehr Infos dazu findet ihr zum Beispiel hier.
  3. Zucker ist ein Nährstoffräuber. Er entzieht unserem Körper B-Vitamine und Mineralstoffe, was nicht nur Zähne und Knochen schwächt, sondern mit den Jahren den gesamten Organismus. Der Wiener Arzt Georg Weidinger, der sich unter anderem auf Traditionelle chinesische Medizin spezialisiert hat, beschreibt die Wirkung von Zucker folgendermaßen:„… was also geschieht, wenn man sehr viel Zucker isst … Der Körper hat dauerhaft Stress und zeigt das durch viele Faktoren wie hohen Blutdruck, hohe Blutfette, Fettleibigkeit, Diabetes Mellitus Typ II, …, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauferkrankungen und, und, und.“ (Die Heilung der Mitte, S. 214)
  4. Einige Studien stellen einen Zusammenhang zwischen einem hohen Zuckerkonsum und Alzheimer fest. Auch Hyperaktivität bei KIndern wird oft in Zusammenhang mikt einem hohen Zuckerkonsum gebracht.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Aber, worum es mir hier eigentlich geht ist folgendes:

Wie schaffe ich es, meine Kinder vom Zucker fernzuhalten?

Leider muss ich euch gestehen, dass auch ich das nicht komplett nicht schaffe. Zucker ist einfach zu allgegenwärtig und gesellschaftlich immer noch weit akzeptiert. Spätestens seit mein Großer in den Kindergarten geht, habe ich die Kontrolle über seinen Zuckerkonsum ein Stück weit verloren. Muffins hier, Wackelpudding dort und immer wieder zuckersüße Geburtstagstüten. Klar, dass da kein Kind widerstehen kann.

Bei meinem Kleinen habe ich glücklicherweise noch etwas mehr Kontrolle, weil es in seiner Krippe – wie in den meisten Einrichtungen für Unter-Dreijährige – keinerlei Zucker oder Süßigkeiten gibt. Komisch, oder, als wäre Zucker für Über-Dreijährige plötzlich kein Problem mehr. Na ja, momentan ist also noch alles im grünen Bereich und er ist glücklich und zufrieden, wenn er an einem Pfirsich lutschen darf. Und darüber bin ich heilfroh, denn wie viele Kinder mit Trisomie 21 ist auch Paul ein leidenschaftlicher Esser, der nur schwer zu stoppen ist.

Umso wichtiger ist es mir bei ihm, gesunde Essgewohnheuten zu etablieren. Denn in den ersten drei Lebensjahren wird das Geschmacksempfinden für das gesamte Leben ausgebildet . Kinder, die sich dann schon an die unnatürliche Süße von Fruchtjoghurt, Schokoriegel und Co. gewöhnt haben, werden es ihr Leben lang schwer haben, die natürliche Süße von Früchten, Trockenfrüchten als „süß genug“ zu empfinden.

„Schwer haben“ bedeutet aber zum Glück nicht, dass das unmöglich ist. Ich selbst habe wie gesagt erst vor etwa zwei Jahren Zucker komplett aus meinem Speiseplan gestrichen und nach einer kurzen Umstellungsphase empfinde ich normale Süßigkeiten mittlerweile als geradezu eklig süß. Eine Ausnahme mache ich hin und wieder bei Kuchen. Aber nur selbstgebackenen, der hier im Schwabenland zum Glück eh nicht soo süß ist. Ansonsten gilt bei uns die Regel: Zu Hause nur selbst gemachte Süßigkeiten aus Früchten, Trockenfrüchten oder auch mal etwas Honig, aber auch die nur in sehr kleinen Mengen. Unterwegs oder bei anderen dürfen die Kinder hingegen alles probieren. Anders lässt sich in meinen Augen Frust und Futterneid nicht vermeiden. Hier setze ich einfach langfristig auf meine Vorbildfunktion.

Puh, dieser Post ist wirklich lang geworden. Das Thema liegt mir einfach sehr am Herzen. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt mit den Süßigkeiten, das würde mich wirklich interessieren! Ach ja, und fast hätte ich es vergessen, ein „Rezept“ wollte ich ja auch noch mit euch teilen. Dabei handelt es sich schlicht um meine persönlichen „Notfallbonbons“, wenn mich die Lust auf Süßes übermannt. Sie bestehen aus zwei Zutaten und sind so lecker, dass ich selbst eine bekennende Zuckerjunkie-Freundin vor kurzem damit begeistern konnte.

Dattelbonbons mit Mandelmus

Zutaten: Medjool-Datteln (oder andere, die sind einfach besonders weich und süß)

Mandelmus (alternativ Erdnussmus, Kokosmus, Sesammus oder was immer ihr gerne mögt. Achtet nur darauf, dass es zu 100% aus Nuss besteht und kein Salz oder Zucker zugefügt ist)

Die Datteln in der Mitte aufschneiden und mit so viel Nussmus füllen, wie ihr wollt. Bei mir darf es richtig viel sein 🙂 Datteln sind zuckersüß und sollten daher nur in Maßen gegessen werden. Aber im Gegensatz zu Haushaltszucker enthalten sie noch viele wertvolle Mineralien wie Eise, Kalzium und Mangnesium. Nüsse stecken voller gesunder Fette, die gut fürs Herz und Hirn sind. Sie machen also satt, glücklich, schlau und schön. Ist das nicht großartig?

 

Mein unperfektes Ich

Heute war wieder so ein Morgen, an dem es drunter und drüber ging bei uns. Während ich erfolglos versuchte, die Zottelmähne meines großen Sohns zu bändigen, spuckte sein kleiner Bruder die unverdauten Reste seines Frühstückseis ins frisch bezogene Babybettchen. Mein Freund versuchte währenddessen, am Telefon einen Termin im Schlaflabor für den Kleinen zu vereinbaren. Was bei der Lautstärke alles andere als einfach war. Ob denn alles in Ordnung sei bei uns, fragte die freundliche Dame, als sie mich laut „Scheiße“ schreien hörte. Da hatte der Große den Inhalt meines Kulturbeutels auf den Boden gepfeffert, vor lauter Wut über die ungeliebte Haarbürste.

Jetzt sitze ich, immer noch ungeduscht und im Schlafanzug, am Rechner und schreibe diesen Text. Durch meine Brille kann ich kaum noch durchsehen, weil ich sie seit Wochen nicht geputzt habe. Das Baby schläft endlich, aber nicht in seinem Bett, sondern bei mir auf dem Arm.

Das perfekte Leben gibt es nicht

So ist es, unser Leben, chaotisch, laut, anstregend und alles andere als perfekt. Und trotzdem schön. Vielen von euch kommt das sicher bekannt vor. Alles ganz normal, oder?

Komisch, dass wir uns dann so schnell unter Druck gesetzt fühlen und glauben, bei bei anderen laufe alles wie geschmiert. Denn mal ehrlich, auch die kochen doch nur mit Wasser. Mir geht es leider nicht anders. Als ich Anfang der Woche bei Eltern Morphose diesen Text über gewaltfreie Erziehung las, fühlte ich mich sofort ertappt. Denn auch ich setze bei meinen Kindern vieles durch, indem ich meine körperliche Überlegenheit ausnutze. Das fängt beim Zähneputzen an und endet noch lange nicht beim Haarekämmen. Gut fühlt sich das nie an, aber ich habe meistens keine Lust, mich auf Diskussionen einzulassen.

Weil der Text mich aber nachdenklich stimmte, teilte ich ihn auf Facebook. Und war überrascht über die Resonanz. Offenbar machen sich viele Eltern Gedanken, ob sie alles richtig machen. Eigentlich ein gutes Zeichen, finde ich. Anders als in früheren Generationen ist heute offenbar bei den meisten angekommen, dass Kinder vollwertige Wesen mit Rechten und eigener Würde sind. Auch wenn sie vieles noch nicht verstehen und wir ihnen als Erwachsene manchmal den Weg zeigen müssen.

Grundsätzlich finde ich es also gut, dass wir Eltern unser Verhalten häufiger mal in Frage stellen. So ging es mir beim Lesen des Artikels. Denn sehr oft gibt es eine Alternative zum „einfach Durchsetzen“. Da geht das Kind eben mal mit ungekämmten Haaren in den Kindergarten und darf dafür sein Bild zu Ende malen. Ist Kreativität nicht schlussendlich wertvoller als ordentliches Aussehen?  Und bin ich nicht ein authentischeres Vorbild, wenn ich meinen Kindern vorlebe, dass Regeln nicht immer unumstößlich sind, dass man seine Meinung ändern kann und auch Erwachsene Fehler machen?

Es gibt natürlich Situationen, in denen Diskussionen fehl am Platz sind. Wenn es darum geht, Gefahren abzuwenden. Da wird nicht lange gefackelt, sondern festgehalten. Auch Zahnhygiene gehört bei mir zu den Dingen, über die ich nicht diskutieren will. Einem Zweijährigen deren Sinn zu erläutern, würde ihn außerdem schlichtweg überfordern. Was aber nicht heißt, dass ich das Zähneputzen mit Gewalt durchsetzen muss. Vielleicht dauert es dann eine Weile, bis es zum Ritual geworden ist und vielleicht läuft es nicht so perfekt, wie ich es mir wünsche. Dafür vergifte ich aber nicht mehr Tag für Tag die Beziehung zu meinem Kind und signalisiere ihm, dass es Situationen gibt, in denen der Stärkere seinen Willen durch körperliche Überlegenheit durchsetzen darf.

Dass ein solcher Weg anstrengend ist und Nerven kostet steht außer Frage. Trotzdem glaube ich, dass er sich langfristig auszahlt. Nicht, weil unsere Kinder dadurch zu perfekten, wohl erzogenen Geschöpfen würden. Aber hoffentlich zu selbstbewussten jungen Menschen, die ihren eigenen Wert genauso kennen wie den ihrer Mitmenschen und in der Lage sind, sich in diese hineinzuversetzen. Das wünsche ich mir jedenfalls für meine Kinder.

Und uns Eltern wünsche ich, dass wir uns nicht immer gleich schlecht fühlen, wenn wir merken, das Gefühl haben, unsere Autorität zu verlieren, weil alles anders läuft, als wir uns das vorgestellt hatten. Weil das Kind auch mit zwei immer noch nicht alleine einschläft. Oder wochenlang nur Nudeln essen will. Weil wir merken, dass es uns mehr Spaß machen würde, ein paar Stunden zu arbeiten, statt nachmittags zum Eltern-Kind-Turnen zu gehen. Oder umgekehrt. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, glaube ich, sondern solche, die ihnen jeden Tag aufs Neue das Gefühl vermitteln, dass sie so schmutzig, laut, motorisch langsam und hibbelig, wie sie nun mal sind, genau richtig sind.