Lebenszeichen aus dem 3-Kind-Chaos

Viele, viele Wochen ist es nun schon her, dass ich hier zuletzt etwas geschrieben habe und ich muss zugeben, dass ich oft mit dem Gedanken gespielt habe, das Bloggen einfach sein zu lassen. Zu chaotisch waren die letztem Wochen seit der Geburt des  Babysohnes und dem Umzug ins Mehrgenerationenhaus in einer neuen Stadt. Zu voll sind nach wie vor die Tage zwischen Stillen, Wickeln, Tragen und gefühlt zehn Kilo Wäsche täglich.

Doch das ist nicht der einzige Grund. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich sind die sozialen Medien längst mehr ein Stress- als ein Spaßfaktor . Vorbei die Zeiten, in denen es mir Spaß machte, bei Facebook oder Instagram vorbeizuschauen, was es Neues gibt. Vielmehr erinnern mich diese Kanäle daran, dass es in ihnen genau wie zu Hause unzählige unerledigte Aufgaben für mich gibt. Zum Beispiel, einen Text für den Blog zu schreiben oder den Text von jemand anderem zu kommentieren, meine Seite mal wieder aufzuhübschen und und und…..

Andere mögen es schaffen, sich abends noch mal an den Computer zu setzen um kreativ zu sein, ich bin dafür in der Regel zu erledigt. So ist es nun einmal und ich muss einfach hinnehmen, dass meine Ressourcen momentan für andere Dinge gebraucht werden.

Nichtsdestotrotz sitze ich heute Abend hier und schreibe, denn es hat in den letzten Wochen immer mal wieder so kleine Momente gegeben, in denen ich dachte „das muss in den Blog!“ Die möchte ich gerne mit euch teilen.

„Wird der denn jemals auf die Toilette gehen können?“

Man sollte es nicht glauben, aber diese Frage wurde mir kürzlich mal wieder gestellt, als ich gerade dabei war, dem zweieinhalbjährigen Paul eine frische Windel zu machen. Wie jetzt, du meinst, weil er das Down-Symdrom hat?  Meine Bekannte hatte schlicht keine Ahnung und offensichtlich wirklich die Vorstellung, Menschen mit Trisomie 21 seien ihr Leben lang beim Toilettengang auf Hilfe angewiesen. Geduldig erklärte ich ihr dann, dass das nicht der Fall ist, dass es nur meist länger dauere, bis diese Kinder mal „trocken“ sind. So wie alles andere eben auch länger dauere. Zum Beispiel das Laufenlernen oder das Sprechen.

Ich musste dann aber noch häufiger über die Frage meiner Bekannten nachdenken, die es im Übrigen nicht böse gemeint hatte. Sie zeigte mir schlicht, wie unwissend doch viele Menschen sind, wenn es um Trisomie 21 geht. Selbst meine Frauenärztin fragte mich, ob Paul denn das Laufen überhaupt mal lernen könne. Eine Medizinerin! Die andere Frauen in ihrer Praxis womöglich beraten muss, wenn sie mit der Diagnose „Trisomie 21“ in der Schwangerschaft konfrontiert werden. Nun bin ich selbst ja alles andere als eine Expertin auf dem Gebiet, andere Eltern sind bestimmt besser informiert, aber mir ist noch kein Kind mit Down-Syndrom zu Gesicht gekommen, dass nicht irgendwann das Laufen gelernt hätte. Oder mit Besteck zu essen, oder eben alleine auf die Toilette zu gehen.

Wenn aber so viele Erwachsene diese Dinge offenbar nicht wissen, dann kann ich schon nachvollziehen, wie groß deren Verunsicherung sein muss, wenn sie dann ein Kind mit Down-Syndrom erwarten. Oder einfach so bekommen, denn noch ist der Bluttest ja keine Kassenleistung. Und aus diesem Grund werde ich hier auch weiterschreiben, um ein bisschen beizutragen zur in meinen Augen dringend notwendigen Aufklärung. Indem ich euch aus unserem Alltag berichte und euch damit zeige, dass unser Leben sich gar nicht so grundlegend von eurem unterscheidet, auch wenn eines unserer Kinder ein paar mehr Chromosomen hat als andere.

Öffentlichkeit tut Not

Und weil ich euch zeigen möchte, wie schön und süß und wunderbar Kinder mit Down-Syndrom sind, veröffentliche ich hierim Übrigen auch Fotos meines Sohnes, auch wenn ich lange mit mir gerungen habe (und es noch tue), ob das nun in Ordnung ist. Ich hoffe, Paul und seine Brüder werden mir das eines Tages mal nicht verübeln, sondern verstehen, was mein Anliegen war.

Last but not least, wir sind jetzt 5!

Aber bevor ich diesen Text nun gleich beende, um totmüde ins Bett zu fallen, muss ich euch doch noch kurz auf den neuesten Stand bringen, was unser Familienleben betrifft. Wie ich es oben schon geschrieben habe, sind wir seit August um einen wunderbaren kleinen Babysohn reicher. Was mich daran erinnert, dass der Untertitel dieses Blogs dringend erneuert werden muss, haha 😉

Der Alltag mit drei Kindern erinnert mich momentan oft an eine Art Dschungelcamp, bei dem es ums nackte Überleben geht. Wer am lautesten schreit, wird beachtet und alles, was nicht direkt mit Nahrungsaufnahme oder anderen Überlebensbedürfnissen zu tun hat, wird einfach nicht gemacht (telefonieren, E-Mails lesen oder gar beantworten…)

Aber das alles birgt Stoff für einen weiteren Blogpost, haha, ihr seht, ich bin noch lange nicht am Ende. Da wäre zum Beispiel die Frage, ob es gut oder schlecht ist, dass  ausgerechnet Paul nun unser „Sandwichkind“ ist und was sein kleiner Bruder für die Frühförderung zu Hause bedeutet. Für heute bin ich aber viel zu müde und vertröste euch deshalb auf das nächste Mal, hoffentlich etwas schneller als zuletzt. Bis dahin gute Nacht und auf bald!

 

Eure Kathinka

 

 

Ungeduld ist keine Tugend

Vor kurzem las ich tatsächlich auf einem Wahlplakat den Spruch „Ungeduld ist auch eine Tugend“ und musste mich fast wegschmeißen vor Lachen. So etwas Abgedroschenes hatte ich wirklich seit Jahren nicht mehr gelesen.

Meine aktuelle Lebenssituation beweist mir im Übrigen gerade jeden Tag das Gegenteil: Ohne Geduld geht gar nix! Und dann würde ich noch hinzufügen: Und ohne Vertrauen erst recht nicht.

Leider mangelt es mir an beidem häufig, obwohl mir bewusst ist, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Wie heißt es doch so schön: „Alles hat seine Zeit“…

Blöd nur, wenn die so rein gar nicht zu den eigenen Erwartungen und Vorstellungen passt!

So geht es mir zum Beispiel gerade mit Paul. Seit Monaten schon hat er sich, zumindest motorisch, nicht weiterentwickelt. Seit er gelernt hat, sich hinzusetzen, tut sich in diesem Bereich nix mehr. Wie ein kleiner Buddha sitzt er auf dem Boden, beobachtet das Geschehen und brabbelt vor sich hin. Keinerlei Anstalten, zu robben oder gar zu krabbeln. Dabei ist er fast 18 Monate alt und damit auch für ein Kind mit Down-Syndrom eher langsam.

Aber was sollen wir machen? Ihm vormachen, wie krabbeln geht? Haben wir heute Morgen echt versucht, aber mal ehrlich, traue ich mich etwa einen Kopfstand zu machen, nur weil meine Nachbarin auf der Yogamatte neben mir das tut? Oder spreche ich fließend Portugiesisch, wenn ich den Ganzen Tag Bossa-Nova-Musik höre? Eben! Zum Lernen gehört eben mehr als Nachmachen. Echte Motivation zum Beispiel und natürlich gewisse körperliche Voraussetzungen. Das ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen.

Leider vergesse ich das im Alltag immer wieder und frage mich dann allen Ernstes, ob ich jemals wieder die Gelegenheit haben werde, zu frühstücken, ohne dieselbe, halb verdaute Scheibe Brot zigmal vom Boden aufzuheben oder einen zappelnden Kinderpopo auf eine Toilette zu setzen, um ihn keine zwei Minuten wieder herunterzuholen. Ob ich eines Tages mit zwei erwachsenen, einigermaßen sozial kompatiblen Söhnen am Tisch sitzen darf, die ganze Sätze sprechen, Messer und Gabel bedienen können und sich alleine die Schuhe anziehen. Schön wäre das jedenfalls!

 

 

Minimalismus in Kopf – wie wir uns mit Notlügen und Schwindeleien das Leben unnötig kompliziert machen

Mein dreijähriger Sohn bringt mich immer wieder in Situationen, die mich mal kurz schlucken lassen. So wie vor ein paar Tagen, als wir draußen vorm Bäckerladen bei Brezel und Kaffee auf einer Mauer saßen. Kaffee für mich und Brezel für die Jungs. Eine für beide wohlgemerkt, denn das Mittagessen lag noch nicht lange zurück.

Da kam eine weitere Familie mit zwei Kindern aus dem Laden, jedes ein süßes Franzbrötchen mampfend. Mein Sohn starrte die beiden an und ich befürchtete schon einen Wutanfall, weil er nun sicher auch so ein Franzbrötchen haben wollte. Aber er meinte nur: „Mama, warum sind die Kinder denn soo dick?“ Er war ehrlich erstaunt, denn dicke Kinder (und diese waren wirklich übergewichtig) kannte er bislang nicht.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Mir war die Situation ehrlich unangenehm, denn sowohl die Kinder als auch ihre Eltern mussten einfach gehört haben, was er gesagt hatte. Andererseits hatte er nur die Wahrheit gesagt, eine ganz offensichtliche noch dazu. Kein Grund also, böse auf ihn zu sein oder gar mit ihm zu schimpfen, wie ich fand.

Wohlwissend, dass die Eltern nun auch meine Antwort hören würden, sagte ich also einfach: „Ich weiß es nicht, mein Schatz. Vielleicht haben sie zu viel gegessen.“

„Bestimmt haben die gaanz viel Eis gegessen“, meinte daraufhin mein Sohn. „Mhmm…“

Nun war diese kleine Szene nicht das erste Mal, dass mich mein Sohn durch seine kindliche Ehrlichkeit in Verlegenheit gebracht hatte. Meine tschechische Freundin, die sehr gut, aber mit Akzent Deutsch spricht,  hatte er gefragt, warum sie denn so komisch sprechen würde. Einen jungen Typen mit Vollbart in der Bahn bezeichnete er als „Opa“.

Klar hätte ich ihm bei jeder dieser Gelegenheiten widersprechen können oder die Situation mit einer Bemerkung wie „aber sie spricht doch ganz toll!“ etwas abmildern können. Ich tat es aber nicht. Weil ich finde, dass man mit der Wahrheit eigentlich nie falsch liegt.

Dabei sind sogenannte „Notlügen“ so allgegenwärtig, dass man ihnen kaum entkommen kann. Und ich muss zugeben, dass auch ich mich schon öfters mal dabei ertappt habe, irgendeinen Mist zu erzählen. Weil es mir in diesem Moment einfacher erschien, ich einen Konflikt vermeiden wollte oder selbst besser dastehen wollte. Kennt ihr das auch?

„Tut mir leid, Süßer, das Eis ist leider ausverkauft!“

„Sorry, ich kann heute doch nicht, habe Magen-Darm.“

„Nee, echt? Mir ist gar nicht aufgefallen, dass du zugenommen hast!“

Aber tun wir uns mit solch faulen Ausreden wirklich einen Gefallen? Ich finde nicht! Und genau deshalb habe ich irgendwann einmal beschlossen, damit aufzuhören. Und das klappt erstaunlich gut und ist soo eine Erleichterung! Denn statt mir überlegen zu müssen, was ich Person x y irgendwann mal erzählt habe und mich dabei in peinlichen Widersprüchen zu verstricken, bleibe ich einfach bei der Wahrheit. Auch wenn das zugegebenermaßen manchmal ungemütlich ist.

„Nein, heute will ich dir kein Eis kaufen.“

„Sei mir nicht böse, aber ich habe keine Lust, ins Kino zu gehen. Ich würde lieber zu Hause bleiben und lesen.“

„Stimmt, du hast etwas zugenommen. Stört es dich denn?“

Ihr glaubt gar nicht, wie viel einfacher mein Leben dadurch geworden ist! Für mich ist das ein Stück Minimalismus im Kopf, denn ich muss mir viel weniger merken.

Abgesehen davon fühlt es sich für mich einfach besser an, insbesondere meinen Kindern gegenüber. Denn sie verstehen immer mehr von dem, über was wir Erwachsenen uns unterhalten und machen sich so ihr eigenes Bild von der Welt. Und in dieses Bild gehören meiner Meinung nach weder faule Ausreden noch einen Osterhasen und vor allem keine Mama, die dem Papa dieses und der Freundin dann etwas ganz anderes erzählt.

Oder wie handhabt ihr das so?

 

Lob der Langeweile – Kinder brauchen kein Programm!

Wenn ich an meine frühe Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich ehrlich gesagt an viele langweilige Nachmitage zu Hause. Da gab es keine musikalische Früherziehung, keinen Zwergentanz und auch kein Kleinkindschwimmen. Stattdessen stand meistens Spielen zu Hause oder bei den Großeltern auf dem Programm, alleine oder mit meinen Brüdern und Cousinen. Und irgendwie fanden wir auch immer etwas Faszinierendes: Das verrostete Karussell auf dem Nachbarsgrundstück, die Goldfische im vermoderten Gartenteich oder die Sauna der Großeltern, in der wir „Wüste“ spielten. Die Erwachsenen hielten sich in der Regel im Hintergrund und griffen nur ein, wenn es richtiges Gezeter gab.

Wie anders sieht dagegen der Alltag meiner eigenen Kinder aus! Mit meinem großen Sohn zog ich damals in der Elternzeit das volle Programm an Aktivitäten durch: Yoga mit Baby, Babyschwimmen und Krabbelgruppe. Das war manchmal nett, oft genug aber nur anstrengend und, um ehrlich zu sein, ziemlich unnötig. Zumindest für mein Baby. Ich selbst genoss es schon, mal vor die Tür zu kommen und Menschen zu treffen, die sich gerade mit ganz ähnlichen Themen auseinandersetzten wie ich selbst.

Mit der Kita hatten sich die ganzen Kurse dann aber schnell erledigt, denn nach einem 8-Stunden-Tag hatten weder mein Sohn noch ich große Lust, irgendwo anders hinzugehen als nach Hause.

Mit Kind Nummer zwei und der Diagnose Trisomie 21 bin ich gar nicht erst auf die Idee gekommen, mich für irgendeinen Kurs anzumelden. Mit zwei bis drei Frühförderterminen pro Woche bin ich ehrlich gesagt reichlich bedient. Und mit dem Wechsel von der privaten Krippe in den öffentlichen Kindergarten ist auch der große Sohn nun ab 15 Uhr zu Hause. Das war in den ersten Monaten eine riesige Umstellung für uns alle. Jeden Morgen zermarterte ich mir den Kopf darüber, wie ich die Kinder am Nachmittag irgendwie bei Laune halten könnte. Mit einer Tour zum Spielplatz am anderen Ende der Stadt, mit Kinderturnen oder auch mit einer gemeinsamen Backaktion. Oft genug gingen die Pläne allerdings nach hinten los, weil uns ein Trotzanfall, eine volle Windel oder einfach nur Regen dazwischenkam. Und dann gab ich einfach auf.

Seit ein paar Wochen gehen wir nach dem Kindergarten direkt nach Hause und machen schlicht und ergreifend NICHTS. Und ihr glaubt ja gar nicht, wie gut das tut! Okay, manchmal gehen wir auch zu einer Freundin oder bekommen selbst Besuch, aber das entscheiden wir ganz spontan. Zugegebenermaßen war es am Anfang schwierig für mich, den Satz „Mama, mir ist soo langweilig“ zu ignorieren. Aber dann habe ich mir einfach gesagt, dass Kinder doch nur kreativ werden können, wenn man ihnen mal nichts vorgibt und dass wir Erwachsenen doch keine Entertainer sind. Ich jedenfalls habe keine Lust, das zu sein. Und siehe da, nach einer Weile Rummeckern baut der Sohn nun Stuhl-Raumschiffe, backt Lego-Kuchen und ziehnt seinen kleinen Bruder auf einem „Schlitten“ durch die Wohnung. Und ich kann währenddessen ganz entspannt einen Tee trinken und mich darin üben, beide Augen zuzudrücken angesichts der Kastanien unter unserer Matratze und der Kuchengabeln im Blumentopf.

Und wenn ich dann mal für einen Moment tief durchgeatmtet habe, dann habe ich auch  richtig Spaß daran, ein Märchen vorzulesen und es mir anschließend mit meinen Jungs mit „Alladin-Kaffee“ gemütlich zu machen. Das ist zwar nichts weiter als geschäumte Milch mit einem Kaffeegewürz von Sonnentor, aber bei meinen Söhnen gerade das Kultgetränk schlechthin.

Und wie handhabt ihr das mit Kinderkursen und Freizeitprogramm? Macht ihr viel mit euren Kids und wenn ja, macht es euch Spaß oder ist es eher Stress? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!