Voll behindert! Wie wir mit Sprache Realität erschaffen

Vor Kurzem saß ich in der Bahn neben zwei Studentinnen, so etwa Mitte 20, die sich über ihre Kommilitonen unterhielten. Weil ich ein Buch las, kriegte ich nicht groß mit, um was es in ihrem Gespräch ging, bis eine er beiden meinte „xy sieht echt immer voll behindert aus“.

Als Mutter eines Kindes, das ein paar mehr Chromosomen besitzt als die Mehrheit, werde ich bei solchen Aussprüchen natürlich immer sofort hellhörig. Und auch wenn ich nicht weiß, worum es in dem Gespräch ging, klar war, das Wort „behindert“ wurde  abwertend benutzt. Wie eigentlich immer.

Und machen wir uns mal nichts vor. Es ist doch letztlich irrelevant, ob man nun von „Behinderten“ spricht, von „Menschen mit Behinderung“ oder „besonderen Kindern/ Menschen“. Schlussendlich stehen auch all diese politisch völlig korrekten Wortschöpfungen doch nur dafür, dass jemand anders ist als andere, sozusagen nicht „normal“. Der Fokus liegt also nicht auf dem Menschen selbst, sondern auf seinem angeblichen „Anderssein“.

Anders macht Angst

Und das, was anders ist, macht Angst, das ist nur allzu menschlich. Ich erinnere mich gut daran, wie ich mich in meiner Kindheit vor den Kindern der „Sonderschule“ fürchtete, die sich neben unserer „normalen“ Grundschue befand und mit der wir damals, Ende  der 1980er-Jahre, also lange vor Inklusions-Zeiten, keinerlei Berührungspunkte hatten.

Nur ab und an, wahrscheinlich wenn sie einen Ausflug machten, liefen diese Kinder über unseren Schulhof. Sie waren wild, machten teilweise komische Geräusche und sahen anders aus als wir. Sie machten mir Angst. Niemand erklärte uns damals, was es mit diesen Kindern auf sich hatte, nur das Wort „behindert“ stand plötzlich im Raum.

Meine Kinder erleben heute zum Glück eine andere Wirklichkeit. Für sie ist es normal, dass Menschen unterschiedlich sind und jeder von uns andere Voraussetzungen mitbringt. In unserem Kindergarten gibt es neben unserem Paul weitere Kinder mit sogenannten „Handicaps“. Alle wissen, dass diese Kinder manche Dinge langsamer lernen, kennen aber auch ihre individuellen Stärken. Niemand kann so unkompliziert einen Streit beenden, indem er einfach das Schimpfen ignoriert und die entsprechende Person in den Arm nimmt, wie ein Kind mit Downsyndrom! Nur mal so als Beispiel….

Das sagt man halt so!

Und was hat das alles nun mit dem Wort „behindert“ zu tun? Kann man es nicht auch wertschätzend beziehungsweise neutral benutzen? Ich finde nein, sorry! Erstens, weil dieses Wort in unserem Sprachgebrauch viel zu negativ vorbelastet ist. Selbst mein Großer, der seinen kleinen Bruder von Anfang an als völlig normal erlebt, war wütend, traurig und verunsichert, als ein anderes Kind diesen Bruder einmal als „behindert“ bezeichnete.

Zweitens, weil, wie ich es eingangs schon geschrieben habe, der Fokus von „behindert“ so sehr auf dem liegt, was eben nicht funktioniert, was den entsprechenden Menschen angeblich behindert. Und nicht auf dem, was ihn als Mensch ausmacht.

Hat nicht jeder von uns etwas, das ihn irgendwie  „behindert“? Ich zum Beispiel bin extrem kurzsichtig. Mit -9 Dioptrien wäre ich in der Steinzeit für meine Sippe mehr als nutzlos gewesen und sicher verhungert. Zigtausend Jahre später und Kontaktlinsen sei Dank, darf ich heute hier sitzen und diesen Blogpost schreiben.

Andere sind extrem schüchtern und trauen sich nicht, Menschen anzusprechen, was im Job schon mal hinderlich sein kann. Wieder andere kommen mit nur einer Niere auf die Welt und kommen trotzdem irgendwie durchs Leben.

Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch auf die eine oder andere Weise sein Päckchen zu tragen hat und es in meinen Augen nicht möglich ist, eine Grenze zu ziehen zwischen „normal“ und „unnormal“, also „behindert“. Wo sollten wir diese Grenze auch ziehen? Ist die Mehrheit „normal“, nur weil sie in der Mehrheit ist?

Im Englischen spricht man ja, wie ich finde so viel passender, von „children with special needs“ vs. „typical children“. Wenn auch diese Begrifflichkeiten ganz sicher nicht der Weisheit letzter Schluss sind, so sind sie doch in meinen Augen etwas neutraler und wertschätzender als das deutsche  „behindert“.

Vergesst nicht, dass das, was wir sagen und oft genug wiederholen, irgendwann zu unserer Realität wird. Wenn wir uns also eine Welt wünschen, in der jeder willkommen ist, so, wie er ist, müssen wir diese Welt zunächst einmal in Worte packen. Und das muss nicht umständlich sein. Ich glaube, Paul würde sich einfach darüber freuen, als Paul bezeichnet zu werden. Ohne Zusätze. Danke!

Downie und zurückgeblieben? Wie sprechen wir von Menschen mit Behinderung?

Heute Morgen habe ich Radio gehört und mich geärgert. Der Sprecher, der über den Amoklauf in Japan berichtete, bei dem 19 Menschen getötet wurden, sprach von „geistig Zurückgebliebenen“. Bitte was?

Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie schrecklich diese Tat ist und wie viel Angst sie mir als Mutter eines behinderten Kindes macht. Das ist sowieso klar. Was mich aber zusätzlich ärgert, ist die Bezeichnung „geistig Zurückgebliebene“. Tatsache ist, dass es sich bei den getöteten Menschen um die Einwohner eines Behindertenheimes handelte. Um Menschen also, die mit einer genetischen oder einer erworbenen Behinderung  leben. „Zurückgeblieben“ bedeutet aber etwas völlig anderes und ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens schlicht falsch. Denn die Betroffenen hatten entweder von Beginn an andere Voraussetzungen im Leben als die meisten von uns oder ein Unfall oder eine Krankheit haben dazu geführt, dass sie mit einer mehr oder weniger starken Beeinträchtigung leben müssen.

Bin ich überempfindlich?

Vielleicht. Auch, weil ich als Mutter natürlich selbst betroffen bin. Trotzdem finde ich es wichtig, beim Sprechen über andere darauf zu achten, was man eigentlich ausdrückt. Wenn ich „Behinderter“ sage, ist das zwar nicht so respektlos wie „Zurückgebliebener“ oder auch „Downie“, aber ich reduziere dadurch einen Menschen auf eine einzige seiner Eigenschaften,  nämlich seine Behinderung. Dass dieser Mensch außerdem vielleicht noch Musiker, farbenblind, Vegetarier oder Judoka ist, scheint gar nicht von Belang zu sein. Und das finde ich schade!

Deshalb wünsche ich mir, dass wir alle mehr darauf achten, wie wir über andere sprechen. Dafür muss man bereit sein, sich diese anderen genau anzuschauen. Dann erkennt man nämlich schnell, dass sie genauso vielschichtig sind wie wir selbst und es genau wie wir verdienen, mit Respekt behandelt zu werden.